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Zwischen Liebe und Vertrag

Moritz Krämer
Moritz Krämer gilt als kreativer Sonderling in der Flut deutschsprachiger Singer/Songwriter. Seine Sprache entzieht sich sämtlichen Popklischees. Nun erscheint "Ich hab' einen Vertrag unterschrieben 1&2", das zweite Soloalbum des Mit-Masterminds von Die Höchste Eisenbahn.

Überall in Deutschland singen junge und nicht mehr ganz junge Songwriter und Interpreten von der Liebe. Schließlich ist sie das Kernthema von Musik, die den Menschen erreicht. Noch vor 20 Jahren hätte niemand gedacht, dass deutschsprachige Popmusik einmal so dominant und erfolgreich werden würde wie heute - beispielsweise im Radio. Es hat sicher damit zu tun, dass der Hörer endlich versteht, wovon geredet wird. Und dass er davon berührt wird. Moritz Krämer, Filmemacher und Musiker Ende dreißig, Spätentwickler und Vertreter einer alternativen WG-Küchentischkultur mit vielen Lebenszweifeln, brachte 2011 sein wunderbares Debütalbum "Wir können nichts dafür" auf dem Hamburger Label Tapete heraus. Seitdem wird der leptosome Nuschler geradezu kultisch verehrt, weil sein Deutsch-Pop so ganz anders ist.

Krämers Musik ist geboren aus Sprachbildern, die mehr mit Bauch und Herz als mit dem Kopf zu verstehen sind. Dazu offenbarte er ein wunderbares Songschreibertalent, das sich über zwei Alben 2013 und 2016 auch in der erfolgreichen Zusammenarbeit mit Francesco Wilking und der Band Die Höchste Eisenbahn fortsetzte. Nun erscheint nach acht Jahren mal wieder ein Solowerk. "Ich hab' einen Vertrag unterschrieben 1&2" erzählt - überaus kunstvoll und hochemotional - von der Liebe in Zeiten des Vertragswesens.

Vom Newcomer zum Comebacker

Rein formal kann man die 16 Stücke auf "Ich hab' einen Vertrag unterschrieben" in zwei Abschnitte teilen, die in der Doppel-Vinyl-Edition durch die Aufteilung auf zwei Tonträger gekennzeichnet sind. Auf Album eins, das vom wunderschönen Titelstück eröffnet wird, singt Krämer aus der Sicht eines unbedarften Newcomers, der im Tonträgergeschäft Fuß fassen möchte. Ab Stück neun ("Da bin ich wieder") übernimmt der Künstler dann die Perspektive des Comebackers. Einem, der wunderbar verschwurbelt und mit jener besonderen Krämer-Mischung aus Gefühlsnaivität und "reiner Seele" über die Strategien funktionierender Alben singt.

So heißt es da beispielsweise: "Eine Ballade muss drauf sein / ich weiß nur nicht wie sie geht / Geklaute Gefühle, bei denen sich der Magen rumdreht" (aus: "Eine Ballade muss drauf sein"). Die hinreißende Melodie und das - durchaus mit Klischees arbeitende - Arrangement, das Krämer für die bitteren Zeilen über gefakete Gefühle im Pop auspackt, sind dann aber so betörend, dass man ein herrliches bittersüßes Gefühl aus diesem Song mitnimmt.

Gegen die Machenschaften der Winkaladvokaten und Geschäftsmodellierer

Krämer, Kritiker des Vertragswesens (will sagen: jener Welt des scheinbar Faktischen, Regelhaften und immer öfter böswillig Verklausulierten) - er fährt auf seinem zweiten Solowerk wunderbar üppige und doch sanft dahingleitende Arrangements auf, wie man sie aus dem Amerika der 70-er kennt. Trockenes Schlagzeug, ein erzählender Bass, sanft gezupfte oder singende Gitarren, feine Streicher oder andere klug eingesetzte Gefühlsverstärker, die aber stets im Dienste der Narration stehen. Songwriter wie der - ebenfalls nuschelnde - Randy Newman, aber auch Jackson Browne und seine kalifornische Leichtigkeit, selbst bei traurigsten Themen, fallen einem als Referenz ein. Musikalisch unterscheiden sich Teil eins und zwei des Album übrigens nicht.

Auch das Dilemma des Künstlers, der gegen die bösen Vorgaben einer raffgierigen Plattenfirma ansingt, scheint längst verblichenen Jahrzehnten anzugehören, als mit Tonträgern noch echtes Geld verdient wurde. Bei Moritz Krämer und seinem kleinen Label Tapete ist dies sicher nur sehr bedingt der Fall. Man muss Krämers Lieder über Vertragswerke wohl in einem größeren Kontext lesen: Hier begehrt eine Künstlerseele mit der Freiheit des Herzens gegen die Machenschaften der Winkeladvokaten, Geschäftsmodellierer und bewusst undurchsichtig gestaltete "moderne" Konzepte auf. Nach dem Motto: Misstraue dem, der vorgibt, die Rechnung deines Mobilfunk- und Internetanbieters wäre leicht zu verstehen. Vielleicht trauert Moritz Krämer in seinen Songs auch ein bisschen darüber, dass heute immer weniger Menschen das Privileg genießen, Freiheit in der Kunst zu finden - und die Vertragswerker längst gewonen haben.