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Ein Ego sucht die Liebe

Jungstötter
Als die junge Band Sizarr im vergangenen Jahr ihr Ende verkündete, wo doch alles so gut angefangen hatte, herrschte bei den Fans große Ratlosigkeit. Das Solodebüt von Sänger Fabian Altstötter alias Jungstötter beantwortet alle Fragen.

Zwei Alben, jede Menge Lob, und dann war plötzlich Schluss mit Sizarr. "We had to move on", hieß es auf der Facebook-Seite. Als im Herbst 2018 das Aus der Band bekannt wurde, reagierten viele Fans verwundert und enttäuscht. Der ausgefeilte Indie-Synthrock auf "Psycho Boy" (2012) und "Nurture" (2015) hatte die jungen Musiker schnell aus Landau in der Pfalz auf internationale Festivalbühnen katapultiert. Insbesondere Sänger Fabian Altstötter begeisterte mit seiner umwerfend reifen, vollen und warmen Gesangsstimme, die ihn in den 80-ern wahrscheinlich zum Superstar gemacht hätte. Ebendieser Fabian Altstötter, inzwischen 28, meldet sich nun unter dem Künstlernamen Jungstötter mit seinem ersten eigenen Album zurück. Wer "Love Is" hört, der versteht sofort, warum es Sizarr nicht mehr gibt. In dieser Formation gab es mindestens ein Musiker-Ego, das zu groß ist für eine Band.

Jungstötter klingt und singt manchmal so, wie früher David Bowie oder Mark Hollis. Solche Stimmen gibt es heute eigentlich nicht mehr. Jungstötter könnte bestimmt auch singen wie Rick Astley, will er aber nicht. Seine aufgekratzten, aber in der Grundstimmung doch ruhigen Songs unterlegt er mit gedämpften Trommelschlägen und minimalistischem Klavierspiel. Punktuell kommen stark verzerrte Electrosounds oder schneidende Gitarren hinzu, und manchmal endet ein Song im kompletten Kollaps. Das klingt dann wie bei einem Barpianisten, um den ringsherum krachend die Wände einstürzen. Was Jungstötter da spielt, ist Post-Rock oder Post-Pop, auf jeden Fall ist es Post-80er. Während Sizarr noch oft dem Retro-Trend entsprachen, ist die Musik von Jungstötter im besten Sinne zeitlos.

Prätentiös, größenwahnsinnig und manchmal genial

Fabian Altstötter wohnte vor einigen Jahren zusammen mit Max Gruber alias Drangsal in einer Leipziger WG, die beiden sind eng befreundet. Er ist von Natur aus ein besserer Sänger als Senkrechtstarter Gruber, und anders als Drangsal strebt Jungstötter auch nicht nach Pop-Hits. Aber vielleicht hat er sich von seinem Kumpel die großen Träume abgeschaut. Die schwere Romantik und das dystopische Element in Songs wie "Sally Ran" oder "Love Is" erinnern ein wenig an die Großtaten eines Nick Cave, die fordernden Songverläufe ("Silence", "The Wound Wrapped In Song") an den störrischen Anti-Pop, wie man ihn etwa von dem Talk-Talk-Meisterwerk "Spirit Of Eden" kennt. "Love Is" ist prätentiös, anstrengend und größenwahnsinnig, aber eben auch unheimlich elegant und ausdrucksstark - und manchmal genial. Auch, wenn dieses Album nur einen Teil der alten Sizarr-Fans trösten wird: Es darf schon jetzt als eines der beeindruckendsten Debüts des Jahres gelten.