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Hier geht es um mehr als Gefühle

Die Goldenen Zitronen
"More Than A Feeling" von Die Goldenen Zitronen ist ein erschlagendes Stück Diskurs-Musik und so pointiert, dass es doppelt wehtut.

Das Debütalbum der Bremer Newcomerband Die Goldenen Zitronen weiß mit seiner Kombination aus Eurodance und Trip-Hop zu begeistern. Dabei sind die italienischen Texte im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftig, allerdings kann die konservative Gruppe mit ... halt! Nein! Stopp! Alles Fake News! Aber hätten Sie es vielleicht doch geglaubt, weil es hier schwarz auf weiß steht? Genau gegen dieses Streuen von haltlosem Unsinn kämpfen die Hamburger Irgendwie-doch-Punks von Die Goldenen Zitronen seit über 30 Jahren. Unter anderem. Die Goldenen Zitronen sind eine Band, die präzise aufzeigt, was nicht stimmt in der Welt. Ihr neues Album "More Than A Feeling" stochert nun mit einem extraspitzen Stock in der fremdenfeindlichen Wunde herum, die in den letzten Jahren in die Mitte der deutschen Gesellschaft gerissen wurde.

Bereits im ersten Diss-Track "Katakombe" wird gegen Fake-News-Verbreiter geschossen, zwischendurch platzieren die Zitronen fragende Laute der Verwunderung - alles schon großartig pointiert und höchst eigenwillig. Im anschließenden Titel "Gebt doch endlich zu euch fällt sonst nichts mehr ein" werden dann Mauerbau-Sympathisanten zu zuckender Musik ermahnt, wenigstens ehrlich zu sein und ihre Fremdenfeindlichkeit nicht als ernstgemeinte Alternative zu verkaufen. Sogenannte "Europäische Werte" per Schießbefehl zu verteidigen, damit können Die Goldenen Zitronen nichts anfangen.

Mauern für die, die Mauern wollen

Die Single "Nützliche Katastrophen" weiß dann auch nicht weiter, als sich im Zynismus zu verlieren. Der eingängige Pop-Song samt Lalala-Melodie ist an Perfidität kaum zu übertreffen, erwischt man sich doch erst beim Mitsummen - und dann mit einem schlechten Gewissen. Wer Kaltherzigkeit so geschickt vorführt, dem gebührt großer Respekt.

Abgesehen von auflockernden Momenten wie diesem befindet sich "More Than A Feeling" unter ständiger Anspannung. Harmonien verziehen sich hinter düsteren Synthie-Flächen, Roboterstimmen erzählen von früher ("Das war unsere BRD"), und irgendwann werden Mauern dann sogar befürwortet (testweise). Wenn auch nur, damit sich die Engstirnigen endlich selbst einmauern können, wenn sie Abgrenzung doch so lieben - dort können sie dann ihr Bohei veranstalten ("Und die Autos tanzen auf den Nasen und die Schweine tanzen zu den Märschen")!

Das epische Stück "Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017" setzt am Ende noch ein ganz besonderes Ausrufezeichen hinter einem politischen Album, das es 2019 dringend braucht. In sechseinhalb Minuten werden alle Geschehnisse um den G20-Gipfel durchdekliniert, gesellschaftliche Fragen aufgeworfen, und dann wird man aus "More Than A Feeling" mit genau diesem Eindruck hinausgelassen, den schon der Titel beschreit: Hier geht es nicht mehr nur um Gefühle, hier geht es um wesentlich mehr. Das sind für Die Goldenen Zitronen keine News. Nein, das alles macht keinen Spaß, und ja, Die Goldenen Zitronen sind anstrengend wie eh und je. Aber das ist gut so, das muss so sein!