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Übergriffig wie ein Gentleman

Backstreet Boys
Sie wollen Liebe, und sie werden alles tun, um sie zu bekommen: Nach mehrjähriger Studiopause melden sich die Backstreet Boys mit neuen romantischen Songs zurück, die allesamt in die Charts kommen können. Einen bitteren Beigeschmack hinterlässt die ganze Sache aber trotzdem.

Westlife wiedervereinigt, Take That auf großer Jubiläumstour, Eloy de Jong (Caught in the Act) mit einem Nummer-eins-Album: Die großen Boygroups von einst sind derzeit fast so präsent wie zuletzt vor knapp 20 Jahren. Auch die Backstreet Boys möchten es jetzt noch einmal wissen, nachdem sie sich zuletzt mit einer eigenen Show in einem Casino in Las Vegas verschanzt hatten. Ihr letztes Studioalbum "In A World Like This" liegt bereits über fünf Jahre zurück. Mit dem neuen Werk "DNA" zeigt die Gruppe in Originalbesetzung, dass sie noch immer ein hervorragendes Vehikel für großformatigen Schmalzpop ist. Dabei betreiben die Backstreet Boys auch ein wenig Imagepflege, die allerdings nach hinten losgeht. Am Ende ist das vielleicht trotzdem etwas Gutes.

38 Songschreiber, sieben Produzenten

Die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Boyband ist im Jahr 2019 immer noch und mehr denn je eine hübsche Verpackung - den Rest regelt im Zweifel der Mann am Mischpult. Zusammengenommen sind AJ, Nick, Howie, Brian und Kevin inzwischen schon 214 Jahre alt, aber sie sehen immer noch verdammt gut aus. Von früher unterscheiden sich die Bilder nur dahingehend, dass die bunten Shirts und Baggie-Pants im Video zu "Chances" gegen feine Designeranzüge eingetauscht wurden. Die Fans von damals laufen ja wahrscheinlich auch nicht mehr in BSB-Shirts durch die Gegend.

Musikalisch überlassen die Backstreet Boys auf "DNA", ihrem inzwischen neunten Studioalbum, nichts dem Zufall. Insgesamt 38 Songschreiber (darunter Pop-Megastar Shawn Mendes) tüftelten an den zwölf neuen Songs, bei der Produktion durften immerhin sieben Mann mitreden. Man muss dieses Album nicht gehört haben, um zu wissen, dass es alle Anforderungen an moderne Popmusik locker erfüllt. Auf der anstehenden Tour (es wird die größte der Backstreet Boys seit fast 20 Jahren) dürfen sich die treuen Anhänger auf 80er-Synthies freuen ("Don't Go Breaking My Heart"), auf geschmeidigen R'n'B, vorbildlich produzierte Beats - und generell natürlich wieder auf alle möglichen Variationen von "Ich will nur dich", "Du bist die Schönste" und "Bitte verlass mich nicht".

Zu viel Leidenschaft

"Alles genau so wie früher", wird mancher vielleicht denken. Ein bisschen schräg ist das Produkt Backstreet Boys inzwischen aber doch geworden, und das wissen die Macher wohl auch. Die Backstreet Boys sind keine süßen Jungs mehr, sondern erwachsene Männer. Bis auf Nick Carter (38) haben sie die 40 alle überschritten. Und trotzdem singen sie noch unpersönliche Liebeslieder für junge Frauen. Im Video zu "Chances" wird es deshalb auch einem jungen Schauspielerpaar überlassen, zu turteln und zu tanzen, während die Backstreet Boys die Romanze aus dem Hintergrund besingen.

Besonders seltsam ist aber die leichtfüßige Funk-Pop-Nummer "Passionate", die ein wenig nach dem frühen Prince klingt, dann aber doch eher Erinnerungen an Harvey Weinstein weckt - oder an die Belästigungsvorwürfe, die 2017 gegen Nick Carter erhoben wurden (er soll vor vielen Jahren eine junge Sängerin vergewaltigt haben, wies aber alle Anschuldigungen zurück). Was auch immer "Passionate" nun will: Eigentlich ist der Song nichts anderes als eine aufgegeilte "Mann will Frau"-Nummer. Da gibt es Zeilen wie "I want your love, I'ma do whatever it takes", "God knows I do not like to lose" und "I can't help but I need to get my hands on all of it". So geht das zwei Minuten lang. Und dann kommt plötzlich der Airbag für den Fall, dass das hier doch jemand "falsch" versteht: "All I do is anything / But like a gentleman". Aha.

Durch diesen kleinen Einschub, der vor allem von Verunsicherung zeugt, wird die Musik der Backstreet Boys kein Stück besser oder schlechter. Dass diese Absicherung an das Ende eines Songs geklatscht wird, der bis dahin nur vor geifernder Lust erzählt, zeigt eigentlich nur, dass den Backstreet Boys dieses Thema mehr oder weniger egal ist. Falls sich hier aber doch die Erkenntnis andeutet, dass Mainstream-Pop im #MeToo-Zeitalter neu gedacht werden sollte, dann ist das durchaus begrüßenswert. Von einem Statement ist man bei den Backstreet Boys allerdings noch weit entfernt.