Like us

Endlich zu Hause

Beirut
Zach Condon hat musikalisch und auch im wahren Leben schon manche spannende Reise unternommen. Davon hat er jetzt vielleicht genug: Auf dem neuen Album von Beirut macht er es sich zwischen Bläsern gemütlich, und dabei wirkt er sehr zufrieden.

Menschen wollen weg. Weg von zu Hause, weg aus ihrer Heimat, hin in eine neue Stadt, in ein neues Land, in ein neues Leben. Viele, weil sie es müssen, weil sie sonst nicht überleben können. Einige, weil sie sich selbst verwirklichen wollen, weil sie nicht sesshaft werden können. Natürlich ist die zweite Variante ein Privileg. Doch wenn ein Musiker wie Zach Condon, der immer weg wollte, nach einer Kindheit in den USA, Osteuropa, Frankreich und Gibraltar ausgerechnet in Berlin angekommen zu sein scheint, dann ist diese privilegierte Perspektive zumindest interessant. Mit seiner Band Beirut, die in wechselnder Besetzung seit 2006 besteht, verarbeitete Condon oft sein Weggehen - poetisch vorgetragen mit einer zarten, aber vollen Stimme zum Verlieben. Die Begleitmusik zu seiner Selbstreflexion war immer eine Art Indie-Rock, der durch allerlei Sounds aus Gegenden ergänzt wurde, an denen Condon das Wegsein auskostete. Das fünfte Album "Gallipoli" entstand in Italien, New York und Berlin, und es ist nach einer italienischen Stadt benannt. Steckt auch Berlin in diesem Album?

Schon auf dem Beirut-Debüt "Gulag Orkestar" von 2006 hieß ein Song "Prenzlauer Berg". Doch genauso wenig, wie dieses Balkan-Pop-Stück von damals etwas mit der Klischeevorstellung davon zu tun hat, wie der Prenzlauer Berg klingen könnte (aufgeräumter, cleaner, trotzdem ein bisschen cooler Indie-Rock?), hat "Gallipoli" einen Berlin-Sound, wenn es den denn überhaupt gibt.

Als Beirut in Italien das Album einspielten, seien sie eines Tages einfach ein wenig umhergefahren und schließlich in der Stadt Gallipoli gelandet, dort auf eine Blaskapelle getroffen und ihr durch die Stadt gefolgt - so erzählt Condon die Geschichte hinter dem Album und seinem Titel. Der Sound habe ihn an die Mariachi-Bands erinnert, die er in seiner Kindheit mochte. Das führte dann wohl auch dazu, dass auf "Gallipoli" wieder oft Bläser erklingen. Sie sind neben der Stimme Condons, die immer ein wenig traurig klingt, das treibende Element in vielen Songs. "We Never Lived Here", der letzte Song des Albums, klingt orchestral und zumindest in Nuancen sogar nach dem, wozu ein Orchester imstande ist.

Beirut werden musikalisch sesshaft

Und sonst? Es ist in den Songs ein Klingeln und Klöppeln zu hören, das nur selten nach einem herkömmlichen Schlagzeug klingt. Die Bläsersounds sind mal pompös, mal zärtlich, und irgendwann wird klar, dass "Gallipoli" zumindest soundästhetisch ein Bleiben charakterisiert. Denn der Vibe des Albums ist kuschelig, nicht anstrengend. Diese Indie-Musik mit Folk-Zwischentönen wird dadurch Zu-Hause-Musik in zweierlei Hinsicht. Sie ist gemacht für gemütliche Momente zu Hause, und Zach Condon macht es sich mit diesen Liedern gemütlich an einem Ort, von dem er zumindest momentan nicht mehr wegzuwollen scheint. Das Problem ist nur: Wenn Condon weg will, klingt seine Musik besser. Das Unerwartete zwischen dem Wohligen ist verlorengegangen. Condons Lyrics klingen dadurch auch fader als sonst. Ein gut gemachtes Album bleibt "Gallipoli" trotzdem. Zu Hause ist es ja auch schön.