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Die Befreite

Sharon Van Etten
Die amerikanische Musikerin Sharon Van Etten hat lange mit ihrer Vergangenheit gekämpft. Ihr neues Album "Remind Me Tomorrow" drückt eine seelische Befreiung aus, klingt aber gleichzeitig sehr düster.

Sharon Van Etten hat eine Reise hinter sich und das hört man ihrer Musik an. Ein großer Teil dieser Reise war eine sechs Jahre dauernde toxische Beziehung mit einem Mann, der ihre musikalischen Ambitionen missbilligte und ihr verbot, auf Bühnen zu stehen. Diese Erfahrung beschäftigte sie bisher auf jedem Album, vom Debüt "Because I Was In Love" (2009) bis hin zu jüngeren Songs wie "Your Love Is Killing Me" (aus dem Album "Are We There", 2014). Jetzt aber beginnt sie mit dem Titel "I've Told You Everything", der ihr neues Album "Remind Me Tomorrow" eröffnet. Van Etten meint damit nicht den Hörer, sondern einen nicht näher beschriebenen Menschen, mit dem sie in einer Kneipe sitzt. Über dem Song schwebt das Gefühl, dass ihre Katharsis sich endlich dem Ziel nähert. Dieser vermeintliche Abschluss eines schmerzhaften Kapitels in ihrem Leben ist auch verbunden mit einer musikalischen Weiterentwicklung.

Van Ettens Alben erscheinen über Jagjaguwar, ein amerikanisches Indie-Label, das auch die gefilterten Gesänge von Bon Iver veröffentlicht. Beide Künstler haben Wurzeln im Folk, beide haben sich aber nie für klare Songstrukturen interessiert. Textzeilen fließen ineinander, musikalische Elemente wiederholen sich immer und immer wieder, und manchmal erkennt man einen Refrain nur an der Wortwahl.

Etwas später als Bon Iver hat jetzt auch Van Etten begonnen, sich zu verfremden. Auf "Memorial Day" samplet sie ihre eigene Stimme, die mit jeder Wiederholung unmenschlicher klingt, um dann mit ganz viel Hall versehene Düster-Folk-Melodien darüber zu singen. Diese Melodien erinnern an Chelsea Wolfe, die Instrumentierung erinnert mitunter an die Art und Weise, wie Kunstkino-Regisseur David Lynch Musik macht. Denn Sharon Van Etten hat analoge Synthesizer für sich entdeckt. Sie widmet sogar einem analogen Synthesizer einen Songtitel, dem Jupiter-4, der von der Firma Roland nur von 1978 bis 1981 hergestellt wurde.

Liest man den Text zu "Jupiter 4" und darin Zeilen wie "Baby, I've been waiting my whole life for someone like you", erwartet man ein beschwingtes Klangbild, das zur ausgedrückten Katharsis passt. Stattdessen ist eine Gitarre zu hören, der man alle Tiefen und Mitten abgedreht hat und die verzweifelt gegen schwerfällig dröhnende Akkorde ankämpft. Die Gitarre war einmal das tragende Instrument in Van Ettens Songss, jetzt fiept sie nur noch in der Ferne. "Remind Me Tomorrow" ist musikalisch wie textlich eine Befreiung. Weil eine Befreite aber selten unversehrt ist, klingt auch in diesem Album das Trauma noch mit.