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Rap als Burnout-Prävention

Yassin
Gegen Rechtsruck, das eigene Unvermögen und die Zynismus-Falle: Der aus Darmstadt stammende Wahl-Berliner Yassin rappt auf seinem Solo-Debüt "Ypsilon" erstmals ohne Duo-Partner Audio88.

Laut des Hamburger Instituts für Stress- und Burnout-Prävention hängen Zynismus und Burnout oft direkt zusammen. Zynismus entstehe beispielsweise, wenn Idealismus und das eigene Engagement keinen Widerhall finden. Die Folgen seien Resignation und schließlich der Burnout. Der deutsche Rapper Yassin war ein Kandidat für einen Burnout. Sein Rap-Ansatz ist idealistisch, doch nicht jedermanns Sache. Sein Solo-Debüt "Ypsilon" ist dennoch ein Befreiungsschlag.

Es gibt einen Moment auf "Ypsilon", der so unscheinbar, aber doch so eindringlich ist, dass man kaum glauben kann, es hier mit einem deutschen Rap-Album zu tun zu haben. Auf "Samthandschuhe" befindet sich dieser Moment. Genau als der Kanye-West-Bombast mit Synthie-Beat in einen behutsamen Drumbreak zusammenfällt, beginnt die Reduktion ins Intime, Verlorene, ja ins Zerbrechliche. Es ist der Moment, in dem Yassin im sensitiven Flüsterton "Zieh die Samthandschuhe an, mein Freund" japst, als wäre Rio Reiser zur Hamburger Schule gegangen und als Rapper wieder herausgekommen. Es ist kein langer Moment, nur einige Sekunden liegen zwischen dem Auslauf des melancholischen Klavier-Motivs und dem synthetisch geprägten Chorus-Arrangement. Doch er steht exemplarisch für das erste Soloalbum des Darmstädters. Denn Yassin beweist hier Mut. Mut, zu singen, Mut, sich selbst zu offenbaren, Mut, Stellung zu beziehen.

Als Duo mit Audio88 hat Yassin eine wachsende, aber doch recht eingeschworene Fan-Gemeinde. Mit der "Herrengedeck"-Trilogie schwangen sich die zwei Wahl-Berliner vor etwas mehr als zehn Jahren auf, deutschen Nischen-Rap zu emanzipieren. Ihre Musik war damals hauptsächlich inspiriert von der Ästhetik des sogenannten Lo-Fi-HipHops um das New Yorker Kult-Label Definitive Jux, das zu Beginn der 2000-er viele experimentelle Genre-Spielarten populär machte. Der große Erfolg blieb lange aus, die Musik von Audio88 und Yassin war immer etwas für Idealisten und Liebhaber. Bis heute werden die beiden trotzdem gerne mit K.I.Z. verglichen, was vor allem an ihren zweideutigen Battleraps liegt, die auch gesellschaftskritische Töne zwischen die Punchlines schieben. Auch Yassins Solo ist vollgespickt mit Humor und Meta-Ebenen. Trotzdem versteht sich "Ypsilon" als ernstes Album.

"Es wird dunkel im Abendland"

Das geht schon bei "Haare grau" los, einem durchtriebenen Trap-Stück, auf dem der 34-Jährige sein frühzeitig ergrautes Haar für eine bissige Bestandsaufnahme seiner Biografie nutzt. "Bin der erste Kanake, den Kanaken nicht feiern", heißt es da. Überhaupt geht es viel um seinen Lebensweg: das Coming-of-Age-Lied heißt "1985", der Anti-Drogen-Song "Junks" reflektiert über das eigene Konsumverhalten, "Nie so" über den innigen Wunsch, dann doch mal eine Familie zu gründen - trotz aller Aversion gegen das Bürgerliche. Das Herzstück des Albums ist allerdings "Abendland" - ein politisches Porträt über den Ist-Zustand in Deutschland, das in kryptischen Versen politische Realität und unheilige Vorahnungen dichtet: "Was nützen die schönsten Metaphern, wenn die Dümmsten nicht raffen?/ Es wird dunkel im Abendland".

Yassin öffnet sich hier, auch musikalisch. Der im HipHop so umstrittene Autotune-Effekt findet auf den zwölf Liedern regelmäßig Platz, was einen spürbaren Bruch zur bisherigen Diskografie Yassins bedeutet. Auch Gastmusiker gehen über die bisherigen Freundschaften hinaus. So findet sich sogar Casper auf dem Song "Eine Kugel". "Innen drin alles entsetzlich, aber lächeln auf den Selfies" rappt er da. Trotzdem ist "Ypsilon" kein Soundtrack über die verlorene Jugend. Es ist vielmehr ein musikalischer Prozessabschluss, den Yassin hier vorgelegt hat. "Wenn du satt bist, ein Dach über dem Kopf hast / Finde etwas, wofür du bereit bist, das zu opfern". Yassin dürfte sich den Burnout von der Seele gerappt haben.