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Altlasten vernichtet

James Blake
James Blake, britischer Ausnahmekünstler, Soundtüftler, Kopfstimmen-Sänger und Gefühlszustands-Übersetzer, veröffentlicht sein viertes Album "Assume Form". Endlich geht es ihm gut.

James Blake ist ein Hybrid-Künstler. In den letzten zehn Jahren seiner Karriere hat er es geschafft, seinen Sound stetig zu verwandeln, ohne das charakteristische Blake-Element jemals zu verlieren oder gar zu verraten. Seine Stärke ist das Transportierten des Gefühls, dass er etwas extrem Starkes beim Kreieren seiner Musik fühlt, weswegen sie wiederum so gefühlvoll klingt, dass man sich in der Gegenwart seines Sounds wohlfühlt. Ganz gleich, ob als Korsett des Gefühlvollen der zerstückelte Post-Dubstep seines juvenilen Künstler-Ichs fungiert oder der vom Falsett getragene Post-R'n'B, der aktuell so oft zu hören ist. James Blake wurde für die Hybridität seines Sounds überhäuft mit Auszeichnungen, mit Preisen, mit Lob. Doch er klingt trotzdem noch immer melancholisch, manchmal sogar verzweifelt. Nun erscheint sein viertes Soloalbum "Assume Form". Die Frage ist: Was fühlt Blake 2019 und welche musikalische Begleitung benötigt er, um diese Gefühle zu artikulieren?

Weirdo-Rap und Flamenco

Es gibt nicht die eine Antwort darauf. Auf "Assume Form" spiegeln sich all jene Sounds wieder, denen er sich als Gastsänger bei befreundeten Künstlern seit dem Erscheinen seines letzten Albums ("The Colour In Anything", 2016) annäherte. Zum einen klingt aus den Songs der zerhackte und irgendwie kaputte Sound von Mount Kimbie, auf deren Album "Love What Survives" Blake 2017 zweimal vertreten war. Zum anderen erklingt eine Weiterentwicklung jenes bassdominierten Trapsounds, den Metro Boomin in letzter Zeit produziert hat.

Auf "Assume Form" arbeitet Blake mit Metro Boomin, Autotune-Alien Travis Scott und Andre 3000, dem ersten Weirdo-Rapper überhaupt. Auch das ist folgerichtig, immerhin ging Blake mit Kendrick Lamar auf Tour und kollaborierte auch sonst immer wieder mit Rappern. Dazu kommt zu guter Letzt jener ultrasensible R'n'B-Entwurf, den Frank Ocean Anfang des Jahrzehnts prägte und dem Blake längst seine eigene Ästhetik verpasst hat, sowie eine verrückte synthetische Flamenco-Äshtetik, die er mit der katalanischen Sängerin Rosalía erschafft.

Aufbruch und Zufriedenheit

Der Hybrid-Sound auf "Assume Form" ist gefüllt mit Versatzstücken anderer Genres, doch was fühlt Blake nun? Die Fülle der Sounds ist jedenfalls kein Indiz dafür, dass Blake alles zu viel geworden ist und er es wieder auskotzen möchte. Blake lebt mittlerweile in Kalifornien. Dort scheint es ihm besser zu gehen. Auf "Assume Form" tröpfelt die Melancholie noch immer beständig aus Blakes ruhiger Falsettstimme, doch verzweifelt klingt sie nicht. Eher nach Aufbruch, irgendwie zufrieden.

Noch immer umgarnen Effekte diese Stimme, schnappen sie sich kurz, verändern sie, lassen sie wieder los, lassen sie im Raum nachhallen und schließlich doch noch glücklich klingen. "Assume Form" ist auch ein Stück Musik, das von Liebe erzählt und von Depressionen, die zu einem Relikt der Vergangenheit geworden sind. Das Album klingt gerade am Ende auf Songs wie "I'll Come Too" und "Power On" nach Aufwachen, nach Altlasten-Vernichtung. Das wirkt belebend, ist soundästhetisch avantgardistisch verpackt und klingt, natürlich, gefühlvoll. James Blake setzt wieder neue Maßstäbe.