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Seichte Emanzipationsgeschichte

Das Biopic über die Schöpferin des Horrorklassikers "Frankenstein" hätte ein starkes feministisches Drama werden können, erweist sich aber als halbgare Angelegenheit.

Ihr Leben brach mit gesellschaftlichen Konventionen. Und ihr Werk entfaltete eine Wirkung, die sie selbst kaum vorhergesehen haben dürfte. Die Rede ist von Mary Shelley, die mit dem 1818 veröffentlichten Schauerroman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" ins literarische Scheinwerferlicht trat. Noch heute lassen sich Schriftsteller und Filmemacher regelmäßig von ihrer mitreißenden Geschichte um einen obsessiven Wissenschaftler und das von ihm erschaffene, aus Leichenteilen zusammengesetzte Geschöpf inspirieren. Spannende Gedanken zur Identität und zur Frage nach den Grenzen der Forschung verleihen dem Horrorklassiker gerade heutzutage, in einer zersplitterten, immer schwerer zu durchschauenden und vom Fortschrittsgeist angetriebenen Welt, eine ungeahnte Relevanz. Die Strahlkraft der berühmtesten Shelley-Arbeit, aber auch die turbulenten frühen Jahre der britischen Autorin stehen nun im Fokus eines romantischen Dramas, mit dem die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour nach der gefeierten Tragikomödie "Das Mädchen Wadjda" ihren zweiten abendfüllenden Spielfilm vorlegt.

Schon als Teenager begeistert sich die 1797 geborene Mary (Elle Fanning) für fantastische Erzählungen, was ihrem Vater, dem Philosophen und Buchhändler William Godwin (Stephen Dillane), jedoch übel aufstößt. Mit Nachdruck ermahnt er sie, nach ihrer eigenen kreativen Stimme zu suchen, und schickt sie eines Tages für einen längeren Aufenthalt zu Bekannten nach Schottland. Dort begegnet die freigeistige Jugendliche dem unangepassten Dichter Percy Shelley (Douglas Booth) und baut rasch eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm auf.

Als Mary zurück nach London reist, trennen sich ihre Wege zunächst. Doch irgendwann steht der Poet unerwartet vor ihrer Tür. Die aufkeimende Liebe zwischen seiner Tochter und dem impulsiven Schreiberling lehnt der um seinen Ruf besorgte William entrüstet ab, da Shelley bereits Frau und Kind hat. Mary lässt sich von dieser Offenbarung nur kurzzeitig irritieren und nimmt schließlich mit ihrem Geliebten und ihrer Stiefschwester Claire (Bel Powley) Reißaus, um sich von allen Zwängen zu befreien. Dass die Partnerschaft mit Percy auch schmerzhaft sein kann, erkennt die angehende Romanautorin schneller, als ihr lieb ist.

"Mary Shelley" hat fraglos das Potenzial für eine packende Emanzipationsgeschichte. Behandelt werden etwa die Stellung der Frau in der Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts, das Ringen um Selbstbestimmung, das Aufbegehren gegen traditionelle Beziehungsmuster und das Entstehen einer persönlichen Schaffenskraft. Reizvolle, durchaus aktuelle Themen, die in der arg episodenhaft wirkenden Dramaturgie jedoch nur selten voll zur Geltung kommen können. Nicht wenige Aspekte - unter anderem Marys wissenschaftliches Interesse - fühlen sich stark behauptet an. Und mehr als einmal nimmt sich der Film zu wenig Zeit, um emotional bedeutsame Ereignisse angemessen zu beschreiben.

Als kontraproduktiv erweist sich auch die gelegentlich übertrieben melodramatische Inszenierung, die aus dem stürmischen Liebesverhältnis der beiden Protagonisten in einigen Momenten eine eher banale Seifenoper macht. Der ungemein faszinierenden Titelheldin wird Al Mansour auf diese Weise nur sehr bedingt gerecht. Mit ihrer unausgegorenen Aufarbeitung spornt sie den Zuschauer aber immerhin an, sich nach dem Kinobesuch eingehender mit Mary Shelley, der Genese ihres großen Schauermeisterwerks und dessen autobiografischen Elementen zu befassen.