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Das Werk zählt, nicht die Tat

Lars von Triers Film über einen Serienkiller in den 1970er-Jahren ist eine kalkulierte Zumutung: "The House That Jack Built" schreckt vor keiner Grausamkeit zurück.

Was sich Lars von Trier in "The House That Jack Built" an Bildern erlaubt, ist noch schwerer erträglich als ohnehin von ihm gewohnt. Mord und Totschlag, Exzesse in Nahaufnahme und mit allen Details. Abgeschnittene Brüste aus nächster Nähe, von Geschossen zerfetzte Kinderköpfe, ein mit einem Wagenheber zerschmettertes Gesicht - die Gewalt ist stumpf, die Bilder sind drastisch. Lars von Trier hat in seinem mörderischen Zerrspiegel für die Welt, die wir kennen und die wir uns zweckmäßig normiert haben, nur Hohn und Spott übrig. Dennoch geht es dem Dänen in seinem radikal eigensinnigen neuen Film um mehr als nur die Lust an der Provokation - die ihm gleichwohl nicht abzusprechen ist und beim Filmfestival in Cannes, zu dem von Trier nach siebenjährigem Exil als "Persona non grata" zurückkehren durfte, für kontroverse Diskussionen sorgte.

Lars von Trier lässt seine Show der Grausamkeiten aus dem Off kommentieren, in einem Zwiegespräch versucht sich Jack (Matt Dillon) einem bis zum Epilog Unbekannten zu erklären. Die beiden palavern aus einer anfänglichen Dunkelheit heraus über Kunst und Gewalt und Frauen und Verwesung. Jack rechtfertigt sich, erklärt seine Taten, stellt Zusammenhänge her, während sein Gesprächspartner in ruhigem Ton unbequeme Fragen stellt und Jacks Thesen anzweifelt. Es scheint, als würde von Trier dieses Zwiegespräch mit sich selbst führen, um intellektuell zu rechtfertigen, was er seinem Publikum an Erbarmungslosigkeit auf der Leinwand zumutet.

Anhand von fünf "Incidents", was sich als Vorkommnis, Zwischenfall oder Störung übersetzen lässt, erzählt Jack seine Geschichte, die nicht nur mörderisch ist, sondern vor allem eine des Scheiterns und der Provokation. Eher zufällig zum Mörder geworden - Uma Thurman spielt sein enervierendes erstes Opfer - hat Jack daran zu knabbern, dass er es "nur" zum Bauingenieur gebracht hat, obwohl er in sich selbst einen Architekten sieht.

Jack will seine Morde als Kunstwerke verstanden wissen. "Es sprechen nicht die Taten, es sprechen die Werke", erklärt er und macht Fotos von seinen Taten, um sie an die Lokalpresse zu schicken, selbstherrlich signiert mit "Mr. Sophistication". Seine Opfer sind vornehmlich Frauen (Sofie Gråbøl, Riley Keough, Siobhan Fallon Hogan), allesamt als dumm und naiv dargestellt. Ein Schelm, wer dabei an von Triers eigenes Werk denkt, filmtechnisch und stilistisch brillant, immer aber auch die pure Provokation - vor allem auch wegen seiner Abarbeitung an frauenfeindlichen Figuren.

Mehr als 60 Morde wird Jack begehen, dass er nicht erwischt wird, ist weniger Zufall, sondern eher dem Umstand geschuldet, dass sich Lars von Trier einfach nicht dafür interessiert, wie ein Serienkiller zur Strecke gebracht werden kann. Ihm geht es um das große Ganze, er will in die Killerpsyche eintauchen.

Das gelingt ihm zwar nur bedingt, dafür sind die kunst- und kulturphilosophischen Dialoge aus dem Off zu offensichtlich oberflächlich, aber er baut ziemlich geschickt ein Panorama der Abgründe auf. Der Film wagt sich mit jeder Szene einen Schritt weiter in die Hölle, die Jacks Seele ist - bis der schließlich und zwangsläufig genau dort landet: Hingeführt von einem Mann, der sich Verge nennt und von Bruno Ganz gespielt wird. Der Verweis auf Dantes "Göttliche Komödie" ist eine letzte Pointe, nachdem Lars von Trier zuvor schon die halbe Welt-, Architektur- und Kunstgeschichte in Schutt und Asche gelegt hat.

Am Ende muss alles verbrennen, am Ende verbrennt Lars von Trier in dem Höllenfeuer, das er selbst gelegt hat. In diesem Sinne kann man "The House That Jack Built" auch als zynische Komödie sehen, als wahnwitzige Abrechnung eines Künstlers mit einer Welt, die nicht bereit ist, die analytische Logik hinter seinen radikalen Ideen zu sehen. Weil sie vor dem Offensichtlichen die Augen verschließt.