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Tanz der Verwandlung

Ein Junge will Mädchen und Ballerina werden. Ein noch junger Regisseur macht daraus ein bewegendes, in Cannes fünffach ausgezeichnetes Drama in lyrischem Realismus.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. In diesem langsam zu Ende gehenden Kinojahr gilt das vielleicht ganz besonders für "Girl". "Lara! Lara! Lara!", wispert die Stimme eines kleinen Jungen, während die Leinwand noch schwarz ist. Im Morgenlicht kommt ein blondes Mädchen von etwa 16 Jahren zur Erscheinung, das den kleinen Bruder glücklich anlächelt. Doch der Anfang allein reicht nicht. Lara (Victor Polster) weiß das genau. Sie drängt die Ärzte und gibt auf der Ballettschule das Letzte, nimmt sogar zusätzlichen Unterricht. Zwei Zielpunkte hat sie im Blick: Ballerina werden - und ein richtiges Mädchen. Transgender-Dramen neigen nicht selten zu Überästhetisierung, Heroisierung oder Märtyrerdarstellung der ProtagonistInnen. Nicht beim erst 26-jährigen Regisseur und Autor Lukas Dhont. Statt mit einer feindseligen Umwelt ringt Lara vor allem mit dem eigenen Körper - im Tanz bringen Dhont und sein Hauptdarsteller dieses Ringen unentrinnbar fesselnd zum Ausdruck.

Mit dem Wechsel auf die neue Ballettschule beginnt für Lara, ihren Vater (Arieh Worthalter) und den kleinen Bruder Milo (Oliver Bodart) ein neuer Lebensabschnitt. Sie sind in eine neue Wohnung umgezogen. Milo ist traurig, weil er in der Schule zunächst keine Freunde findet. Lara muss nun beim Tanzen viel höheren Ansprüchen genügen. Ihre Füße werden dabei zu blutigen Stümpfen. Trotzdem macht sie weiter.

Gleichzeitig ist sie unruhig, weil ihre primären Geschlechtsmerkmale immer noch die eines Jungen sind. Die Hormontherapie beginnt, aber Brüste wollen sich nach ihren Beobachtungen nicht ausbilden. Sie sehnt die Operation herbei. Doch die Anstrengungen des Tanzens schwächen den Organismus. Ihr Vater, der sie bei ihrem Vorhaben einer Geschlechtsumwandlung nach Kräften unterstützt, mahnt liebevoll zur Vorsicht. Aber Lara will nicht hören - kann nicht hören.

Mit diesem einfachen Aufbau lehrt "Girl" nicht Mitleid, sondern Mitgefühl, das sich in ein Bangen darum entwickelt, dass Lara doch endlich wirklich Lara werden kann. Denn zwischen Anfang und Ende der Verwandlung ist ein langer Weg, auf dem die Kamera die Unterstützung durch den Blick des Zuschauers weder erfleht noch einfordert, sondern zu einer Geste der Menschlichkeit erhebt. Inmitten der anderen Mädchen und auch Jungen, die sich im Tanzstudio zu klassischer Musik biegen, hebt sich Lara nicht wesentlich ab. Einerseits konzentriert sich die Kamera auf sie, andererseits fängt sie schemenhaft auch die anderen ein. Sie ist nicht mehr wert als die anderen, aber eben genau so viel.

Die intensiven Tanzszenen lassen das einsickern und wecken den Wunsch, ihr dabei zu helfen, das zu werden, was sie will. Der Blick auf sie wird zum absurden Versuch, den schrecklichen Sturz aufzuhalten, der bei den aufreibenden Bewegungen auf den Zehenspitzen jederzeit bevorzustehen scheint, und zum Anliegen, das Mädchen zu sehen, das sie im Spiegel nicht erblickt.

Der Tanz, das ist die lyrische Überhöhung des inneren Konflikts. Aber sie hat eine reale Basis, nicht zuletzt, weil Dhont sich auf einen authentischen Fall stützt, in dem Ballerinasein der Inbegriff des Mädchenseins gewesen ist. Und es entsteht physisches Kino. Das gilt nicht nur deshalb, weil Lara ihr Geschlecht schamhaft verbirgt, was Neugier und Häme der Mitschülerinnen anstachelt. Was dem Körper auf der Leinwand widerfährt, hält den eigenen, der vor ihr ausharrt, im Griff. Die Auszeichnungen für Dhont und Polster in Cannes könnten nicht verdienter sein.