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Majestät wünscht eine Mango

20 Jahre nach "Ihre Majestät Mrs. Brown" spielt Judi Dench erneut Queen Victoria, die mit einer ungewöhnlichen Freundschaft für Stirnrunzeln sorgt.

116 Jahre sind seit ihrem Tod nun schon vergangen. 116 Jahre, in denen viel über sie geforscht, geschrieben und schließlich auch gedreht wurde - vom 60 Jahre umspannenden Historienepos "Königin Viktoria" (1937) bis zur Miniserie "Victoria" (2016) über die frühen Jahre der britischen Monarchin. Und doch fanden Regisseur Stephen Frears und Drehbuchautor Lee Hall erstaunlicherweise eine Episode aus dem langen Leben von Queen Victoria, die noch nicht auf der Leinwand erzählt wurde: die über ihre ungewöhnliche Freundschaft mit einem indischen Diener. Vorhang auf für "Victoria & Abdul" (2017, erhältlich auf DVD, Blu-ray Disc und als Video-on-Demand). 390.000 wollten den Historienfilm hierzulande in den Kinos sehen.

Direkt nach der Ankündigung, dass der Film zumeist auf wahren Begebenheiten beruht, heftet sich Stephen Frears buchstäblich an die Fersen von Abdul (Ali Fazal). Schnellen Schrittes bahnt sich der Gefängnisschreiber 1887 seinen Weg durch das hektische Agra, um dann, angekommen an seiner Arbeitsstelle, darüber informiert zu werden, dass ihm eine große Ehre zuteil wird: Er darf Queen Victoria in London eine besondere Münze überreichen. Keine zwei Minuten Film sind vergangen, schon sitzt der junge Mann mit einem übellaunigen Begleiter (Adeel Akhtar) an Bord eines Schiffes - und ist davon augenscheinlich nicht halb so überrumpelt wie der Kinozuschauer.

Besser nachfühlen lässt sich da die mangelnde Lebensfreude der 68-jährigen Victoria (Judi Dench): Jene Münzübergabe, für die zwei indische Arbeiter wochenlang um die halbe Welt segelten, ist nur ein kleiner Punkt auf der sehr, sehr langen Liste von Tagesordnungspunkten, die der Königin beim Ankleiden von ihrem Privatsekretär vorgebetet wird - Victoria ist all dessen furchtbar müde. Da stellt der hübsche Inder am Hof doch eine willkommene Abwechslung dar ...

Obwohl ihm dem Titel nach zumindest die halbe Aufmerksamkeit des Drehbuchs gebühren sollte, erfährt man überraschend wenig über Abdul, dessen Lebensgeschichte Historiker immerhin seit den 50er-Jahren interessiert. Selbst ihre dichterische Freiheit nutzen Stephen Frears und Lee Hall vorrangig dazu, Victorias Gefühlswelt abzubilden, nicht aber die des indischen Neuankömmlings, der weitestgehend auf sich gestellt, fern der Heimat, in feindseliger Umgebung zufällig zum neuen Lieblingsspielzeug der Königin wird. Er lächelt nur und vergöttert den Boden, auf dem die alte Dame wandelt. Ein bisschen mehr Abdul und ein bisschen weniger Victoria hätte "Victoria & Abdul" wohl gutgetan.