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Tatort: Der Fall Holdt - So. 05.11 - ARD: 20.15 Uhr

Ein heiteres Jubiläum ist das nicht: Aus ihrem 25. Fall geht die NDR-Kommissarin Charlotte Lindholm arg geschunden raus.

Am Ende sieht sie übel aus. Eine halbe Ewigkeit hat sie nicht geschlafen. Nicht nur seelisch ist sie schwer angeschlagen, auch körperlich. Und: Vielleicht hat sie Fehler gemacht, die sie in ihrem Leben als LKA-Kommissarin noch verfolgen könnten. Es ist, schon rein schauspielerisch gesehen, eine großartige Bühne, die der NDR da seiner geschätzten "Tatort"-Ermittlerin Maria Furtwängler zum Jubiläum schenkt. "Der Fall Holdt" ist der 25. Film mit der 51-Jährigen, die seit 2002 im Norden des Landes ermittelt.

Am Anfang ist noch Ausgelassenheit. Charlotte Lindholm tanzt mit ihrem Freund Henning (Adam Bousdoukos) in der Disko. Als sie kurz nach draußen geht, kommt es zu einer Meinungsverschiedenheit mit zwei jungen Männern, die handgreiflich werden. Verletzt liegt die Polizistin am Boden. Melden wird sie diesen Übergriff, aus welchen Gründen auch immer, allerdings nicht.

Dann wird sie, körperlich arg lädiert, zu einem Entführungsfall gerufen, dessen Verlauf dem Zuschauer in Teilen gezeigt wurde. In der Nähe von Walsrode wird die Bankiersfrau Julia Holdt (Annika Martens) gekidnappt. In einem Waldstück stoppen zwei Männer ihren Wagen. Sie wird verschleppt, doch was dann mit ihr geschieht, ist unklar. Ihr Ehemann Frank (Aljoscha Stadelmann) erhält ein Paket mit Haaren seiner Frau und einen Anruf: Innerhalb weniger Stunden soll er 300.000 Euro übergeben. Er bittet seine Schwiegereltern Christian (Ernst Stötzner) und Gudrun Rebenow (Hedi Kriegeskotte) um finanzielle Hilfe, doch Christian ruft - gegen Franks Willen - auch noch die Polizei. Als die eintrifft, ist der Ehemann schon unterwegs zur Geldübergabe. Seine Frau bleibt verschwunden.

Mittendrin: Charlotte Lindholm, mitunter doch ziemlich neben der Spur. Manchmal agiert sie brillant, manchmal hat sie ihre Emotionen nicht im Griff. Der Überfall auf sie hat Spuren hinterlassen. Ihr zur Seite steht diesmal Frauke Schäfer (Susanne Bormann), eine Art junges Abbild der erfahrenen Ermittlerin. Stoisch macht die ihren Job, während Lindholm sich stellenweise eher durch diesen Fall treiben lässt. Sie fixiert ihre Tätersuche bald schon auf den Ehemann. Ganz offensichtlich stand es um die Beziehung nicht zum Besten. Dazu kommt, dass er in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Aber sind das Gründe genug, um die Entführung der eigenen Frau in Auftrag zu geben? Auch der Zuschauer erhält diesbezüglich einen Hinweis, aber womöglich führt auch der auf die falsche Fährte.

"Der Fall Holdt" ist der Debüt-"Tatort" der jungen Regisseurin Anne Zohra Berrached, die mit ihren ersten beiden Spielfilmen "Zwei Mütter" und "24 Wochen", die bei der Berlinale liefen, die Branche auf sich aufmerksam machte. Auch bei der ARD am Sonntagabend um 20.15 Uhr bleibt sie ihrem Stil treu: Sie erzählt langsam, aber präzise, lässt sich im Kreieren von Emotionen nur selten von Musik helfen. Und sie verlässt sich dabei nicht nur auf eine tragfähige Geschichte, sondern vor allem auf ihre Darsteller.

Mit Aljoscha Stadelmann in der Rolle des Ehemanns führte sie einen grandiosen Könner durch diese hochkomplexe Rolle. Und auch Maria Furtwängler lotet an vielen Stellen ihre Grenzen neu aus, erlaubt ihr das Drehbuch von Jan Braren doch keine Dialoge, in denen sie ihren Zustand pathosreich erklären könnte. Stattdessen verfolgt der Betrachter eine verschlossene Frau auf ihrem immer holpriger werdenden Weg hin zum eindrucksvollen Finale. Es könnte, Minute um Minute scheint das sicherer zu werden, eine 90-minütige Chronik des Scheiterns sein.

Die Rahmenkoordinaten dieses Krimis sind beileibe nicht neu: Entführungen und die potenzielle Verwicklung von Familienangehörigen gab es immer wieder zu sehen. "Der Fall Holdt" setzt dennoch neue Akzente, sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Ein absolut würdiger Jubiläumsfilm also, aus dem die Hauptfigur jedoch arg geschunden hervorgeht. Den Wunsch Maria Furtwänglers für die Zukunft ihrer Figur trägt man da jedenfalls gerne mit: "Ich sage es mal so: Ich sehne mich für Charlotte nach mehr Licht in ihren nächsten Folgen."