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Laues Frösteln

Dunkle Seele gesucht: Der Serienkiller-Thriller "Schneemann" nach Jo Nesbø bräuchte mehr als Stars, tolle Kamera und vielsagende Andeutungen, um eine richtige Eishölle zu bereiten.

Raschen Schrittes durchquert eine junge blonde Frau bei Nacht die winterlichen Straßen Oslos. Da trifft ein Schneeball ihre Schulter. Als sie sich daraufhin umdreht, wirkt sie weder ängstlich noch ärgerlich, sondern neugierig - und sogar so, als ob sie etwas Angenehmes und Vertrautes wiedererkannt hätte. Sehr bald ergibt sich, dass dem nicht so ist. Sie gerät in die Fänge eines Serienkillers. "Schneemann" ist eine Verfilmung des gleichnamigen Thrillers aus der Feder von Jo Nesbø, der sehr erfolgreich war. Auch Hollywood-Star Michael Fassbender zeigt sich angetan von den Büchern des Norwegers. Für die Rolle des ermittelnden Detektivs Harry Hole hat er alle Bände über den einzelgängerischen Beamten einer Osloer Eliteeinheit gelesen und lobt die lebendigen Charaktere. Aber mit deren Leinwand-Verkörperung hapert's gewaltig.

Bei den ersten Schneefällen in Oslo verschwinden junge Frauen, die als zerstückelte Leichen wieder auftauchen. Der Mörder scheint sich für junge Mütter zu interessieren, die ihren Männern Kuckuckskinder unterschieben, und kommuniziert mit der Polizei über Schneemänner, die Kleidungsstücke der Ermordeten tragen. Zudem fordert er Kommissar Harry Hole zu einem blutigen Katz-und-Maus-Spiel heraus.

Unter großem Druck seiner Vorgesetzten soll Hole zusammen mit seiner neuen Kollegin Katrine Bratt (Rebecca Ferguson) den Täter möglichst rasch dingfest machen. Er vermutet, dass ein nicht gefasster Serienkiller vergangener Jahrzehnte wieder am Werk ist, und versenkt sich in alte Akten. Dabei kommt ihm der Verdacht, dass Katrine mehr als nur ein professionelles Interesse an dem Fall mitbringt. Nur mühsam hält er sie von übereilten Schritten und Schlussfolgerungen ab. Doch als seine Freundin Rakel (Charlotte Gainsbourg) bedroht wird, gerät er selbst emotional ins Schlingern.

Beginnend mit dem Schneeballwurf in dunkler Nacht schmeißt der Film mit Rätselhaftigkeiten vom irritierenden Detail bis zur geheimnisvollen Rückblende verschwenderisch um sich. Das zieht zunächst in den Bann. Die Erzählweise des renommierten Regisseurs Tomas Alfredson ("Dame, König, As, Spion") und seiner Drehbuchautoren ist lange behutsam, die Kamera unaufdringlich beunruhigend, der Geräuscheinsatz sehr wirkungsvoll. Überdies sorgt eine kleine Starriege für schillernde Verdächtige. Chloë Sevigny spielt eine Doppelrolle als Zwillingsschwestern. "Oscar"-Preisträger J. K. Simmons ("Whiplash") gibt einen heuchlerischen reichen Wohltäter. Val Kilmer hat einen denkwürdigen Auftritt als ausgelaugter Schnüffler.

Und doch geht das Kalkül von Verwirrspiel und Promiparade nicht auf. Der Krimifan errät den Täter bereits sehr früh. Das ist schon bei Nesbø so. Aber sein Buch fesselt mit der dunklen Seele seines Personals, die er freilegt wie den weitaus größeren Teil eines Eisbergs, der sonst unter der Wasseroberfläche bleibt. Davor kneift der Film, allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Die Wodkaflasche, die Fassbenders schlummerndem Hole entrollt, ist bloß Requisite, nicht sein Dämon. Vor lauter gebirgigen Schneelandschaften fehlt der Kontakt zu den destruktiv erhabenen Problemlagen des Alkoholismus und der Vaterlosigkeit als Zündstoff für Gewalt. Ohne echte Sensibilität für die zentralen Themen der Vorlage stolpert die Verfilmung irgendwann nur noch effektgetragen vor sich hin und einem ebenso spannungslosen wie unsinnigem Showdown entgegen. "Schneemann" geht in lauem Frösteln unter.