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Toni Erdmann

Filmdaten:
Originaltitel: Toni Erdmann
Jahr: 2016
Regie: Maren Ade (Director)
Schauspieler: Winfried / Toni (Peter Simonischek) , Ines (Sandra Hüller) , Steph (Lucy Russell) , Illiescu (Vlad Ivanov) , Tatjana (Hadewych Minis) , Anka (Ingrid Bisu) , Tim (Trystan Pütter) , Mr. Myers (John Keogh) , Bogdan (John Keogh) , Taxi Driver (Cosmin Padureanu)
Wertung:
Familie heißt lebenslänglich
Mit glänzenden Hauptdarstellern in ambivalenten Rollen begeistert Maren Ade mit ihrer auf Festivals gefeierten Tragikomödie "Toni Erdmann".

Die deutsche Regisseurin Maren Ade zeigt in ihrer exzellenten Tragikomödie, wo es heute zwischen den Generationen knirscht. Dabei wirft sie einen kritischen Blick auf die moderne Arbeitswelt und den exportierten Kapitalismus. Und weil Worte in Konflikten manchmal nicht mehr weiterhelfen, schlüpft der Vater hier als "Toni Erdmann" in eine neue (absurde) Rolle, um sich wieder seiner ihm emotional abhandengekommenen Tochter annähern zu können. Umgesetzt wurde die Geschichte klug, witzig und absolut sehenswert.

Es steht nicht gut um die Beziehung von Ines (Sandra Hüller) und Winfrid (Peter Simonischek). Er, ein einsamer Alt-68er-Musiklehrer, der stets zum Scherzen aufgelegt ist und damit an die Schmerzgrenzen von anderen geht. Sie, eine rationale, kühle Frau, die sich als Unternehmensberaterin in einer Männerdomäne behauptet. Das Aufeinanderprallen von Lebenswelten und auch Generationen lässt das große Drama ahnen, und doch kommt man hier aus dem Lachen gar nicht heraus.

Über den deutschen Humor heißt es bisweilen, dass es ihn gar nicht gebe. Nicht dass Regisseurin Maren Ade ("Alle anderen") jetzt aufgebrochen wäre, eine Lanze für die heimatliche Komödie zu brechen. Ihr Witz bewegt sich weit entfernt vom Schenkelklopfer, vom Ausschlachten des Klischees für einen Lacher - und das, obwohl ein Furzkissen vorkommt. Bei Maren Ade gehört das Scherzen zu Winfrieds Persönlichkeit; es ist seine Art, dem Leben von dem er nichts zu wollen scheine - so ein Vorwurf der Tochter - zu begegnen. Sie dagegen pariert fast emotionslos, aber sehr bestechend klug auf das, was von ihm an sie herangetragen wird. Als er ihr vorwirft, nur noch blind nach Erfolg zu streben und nicht mehr richtig zu leben, regiert sie kühl: "Und Du? Du bringst hier gleich mal die ganz großen Themen ..."

Offene oder versteckte Aggressionen, Sehnsüchte und festgeschriebene Rollen in der Familie. Maren Ade beobachtet sehr genau die Mechanismen, die zu einer Sprachlosigkeit zwischen den beiden geführt haben. Ihr Film handelt von einer Eltern-Kind-Beziehung - und die ist immer lebenslänglich. Dazu gehört auch das Fremdschämen für einen Verwandten, der plötzlich verkleidet mit zotteliger Langhaar-Perücke und riesigen falschen Zähnen als Toni Erdmann in ihrem schicken Unternehmensberater-Umfeld in Bukarest mitmischt.

Er faselt etwas von Ion Tiriac, von dem er eben erfahren habe, dass er um seine Schildkröte trauere. Einfach nur peinlich, doch Ines muss mitspielen; noch schlimmer wäre es, wenn sie ihn als ihren Vater enttarnen würde. Toni Erdmann taucht in den unmöglichsten Situationen auf und setzt Dinge in Gang, die seine Tochter nie für möglich gehalten hätte, darunter einen Karaoke-Auftritt in einer rumänischen Großfamilie mit einem Whitney-Houston-Klassiker, der davon handelt, sich selbst lieben zu können.

Klingt absurd? Auf dem Papier war sich Maren Ade zunächst auch nicht sicher, ob die Kunstfigur funktionieren würde. Doch es klappt perfekt - dank Peter Simonischek, der als lächerlicher Toni Erdmann auf skurrile Weise Erfolg hat. Er entlarvt dadurch groteske Verhaltensweisen in der Businesswelt, in der sich selbst unerwartet verlangte Nacktheit als karrierefördernde "Challenge" interpretieren lässt. Sandra Hüller begeistert als Idealbesetzung, als Businessfrau, die große Freude an der eigenen Macht und Dominanz hat, aber trotzdem keine Feministin sein will. Sie durchschaut die männlichen Verhaltensmuster, bekämpft sie aber nicht, sondern macht sie sich wenig empathisch zu Nutze und zu Eigen - ein neuer erschreckender Frauentyp.

Mit "Toni Erdmann" zeigt die deutsche Regisseurin Ade, dass sich über zweieinhalb Stunden im Kino jede Minute lohnen können. Sie findet die richtige Balance aus vielsagendem Schweigen sowie bestens pointierten Gags und erzählt damit lustig und bewegend von aktuellen Generationskonflikten in einer - auch emotional - durchoptimierten Welt.

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