Yvonne Catterfeld im Interview

"Ich kümmere mich manchmal zu viel darum, was andere denken"

23.11.2021 von SWYRL/Franziska Wenzlick

Ihr freundliches Gemüt ist längst zum Markenzeichen avanciert. Ob sie Sehnsucht danach hat, nicht immer nett sein zu müssen, das verrät Yvonne Catterfeld im Interview.

Yvonne Catterfeld tanzte schon immer auf zwei Hochzeiten. Ihre ersten Singles veröffentlichte sie zur gleichen Zeit, als ihre "GZSZ"-Karriere begann, nämlich 2001. Seither widmet sich die gebürtige Erfurterin der Musik und Schauspielerei gleichermaßen: Während am Donnerstag, 2. Dezember, (Catterfelds 42. Geburtstag!) ihr neuer Krimi "Wolfsland - Böses Blut" im Ersten (20.15 Uhr) zu sehen ist, geht nur einen Tag später ein langgehegter musikalischer Wunsch der Sängerin in Erfüllung. Am 3. Dezember erscheint mit "Change" nach sieben deutschsprachigen Alben die erste Platte, auf der Catterfeld ausschließlich auf Englisch singt. Wie es dazu kam und was der Corona-Lockdown damit zu tun hatte, erzählt die Mutter eines siebenjährigen Sohnes im Interview.

teleschau: Seit mittlerweile fünf Jahren stehen Sie als Kommissarin Viola Delbrück in der ARD-Krimireihe "Wolfsland" vor der Kamera. In der Vergangenheit haben Sie immer wieder betont, dass Sie nichts mit ihrer Rolle gemein haben. Ist es schwieriger, eine Figur zu spielen, die so konträr zum eigenen Charakter ist?

Yvonne Catterfeld: Natürlich steckt schon irgendwas von mir in der Figur, vor allem versuche ich auch immer, ein bisschen mehr von mir einzubringen, also ein bisschen mehr Humor, ein bisschen mehr Lebenslust. Das funktioniert ganz gut, weil sich die Rolle ja auch verändert. Einmal liefen "Wolfsland" und "The Voice" parallel, da war es total lustig, hin- und her zu switchen und das zu vergleichen. Das waren schon zwei sehr verschiedene Frauen.

teleschau: Ist es nicht befremdlich, sich auf so ungewohnte Art und Weise zu betrachten?

Catterfeld: Ich habe mich auch schon manchmal beim Ansehen gefragt, warum Viola so schlecht gelaunt oder grantig ist. Ich selber bin das absolute Gegenteil. Für mich ist die Figur trotzdem schön zu spielen, weil eine gewisse Sehnsucht drinsteckt, nicht immer nett und gut gelaunt sein zu müssen.

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"Es macht mir extrem viel Spaß, da auch mal nicht nett zu sein"

teleschau: Sind Sie denn privat nie schlecht gelaunt?

Catterfeld: Klar, aber ich versuche, wirklich jeder Person auf Augenhöhe und freundlich zu begegnen. Das ist meiner Figur halt egal. Es macht mir aber extrem viel Spaß, da auch mal nicht nett zu sein. Das ist der große Unterschied: Viola kümmert sich nicht darum, was andere denken. Ich kümmere mich hingegen manchmal zu viel darum, was andere denken.

teleschau: In der Öffentlichkeit zu stehen, macht das sicherlich nicht einfacher.

Catterfeld: Wenn einen niemand kennt, ist es bestimmt in manchen Situationen egal, was man gerade tut oder wie man gerade ist. Deshalb macht mir die Rolle auch so viel Spaß. Das ist wie eine kleine Auszeit.

teleschau: Haben Sie zu Beginn geahnt, dass sich "Wolfsland" zu einem Langzeitprojekt entwickeln würde?

Catterfeld: Nein. Ich hätte nie gedacht, dass ich das so lange mache. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht! Ich wäre sicher nicht dabeigeblieben, wenn mich das langweilen würde oder es keine Weiterentwicklung gäbe. Die Bücher hauen mich aber immer wieder um, und auch meine Figur verändert sich stetig. Man spürt, dass unsere Autoren psychologisch arbeiten. Das macht total Spaß. Wobei wir Darsteller auch immer überrascht werden und oft gar nicht wissen, was als Nächstes kommt.

"Ich wollte eigentlich schon vor 20 Jahren englische Songs machen"

teleschau: Dabei haben Sie selbst gar kein besonderes Faible für das Genre.

Catterfeld: Genau, ich bin eigentlich überhaupt kein Krimi-Fan. Ich mag lieber Psycho-Thriller oder Politthriller. Einen reinen Krimi hätte ich wahrscheinlich gar nicht gemacht. Was mir an "Wolfsland" gut gefällt, ist, dass es immer auch um Beziehungen und das Zwischenmenschliche geht. Wobei die neueren Filme für mich teilweise echt grenzwertig sind, da es mittlerweile doch sehr düster wird. Ohne zu spoilern: In der letzten Folge, die wir gedreht haben, habe ich mich zeitweise wie in einem Escape Room gefühlt. Ich habe das fast nicht ausgehalten und als die jungen Mädels um ihr Leben geschrien, musste ich aufpassen, nicht loszuheulen, weil das schon harter Tobak war.

teleschau: Auch sonst sind Sie gut ausgelastet: Nach sieben deutschen Alben erscheint nun Ihr erstes englisches Album. Haben Sie sich damit einen langgehegten Traum erfüllt?

Catterfeld: Nach außen hin ist das natürlich eine große Veränderung, für mich persönlich jedoch nicht. Ich wollte eigentlich schon vor 20 Jahren englische Songs machen. Das wurde jedoch immer wieder verschoben, weil die Labels und Produzenten der Meinung waren, das sei nicht konform für den deutschen Musikmarkt.

teleschau: Weshalb wollten Sie lieber auf Englisch singen?

Catterfeld: Ich hatte nach dem letzten Album eigentlich schon angefangen, auf Deutsch zu schreiben. Ich habe aber gemerkt, dass es mich kreativ blockiert und vor allem frustriert. Mir fällt es viel leichter, englische Texte zu schreiben. Das kommt mehr aus dem Bauch heraus, weil ich damit aufgewachsen bin. Ich habe nie deutschsprachige Musik gehört und bin beim Singen immer wieder an meine Grenzen gestoßen - auch, weil die deutsche Sprache oft sehr verkopft und rational ist.

"Die Musikbranche ist immer noch eine männerdominierte Branche"

teleschau: Welche Songs laufen bei Ihnen?

Catterfeld: Künstlerinnen wie Alicia Keys und Lauryn Hill bewundere ich sehr. Ich bin mit R'n'B und HipHop groß geworden und mittlerweile ist auch mein Sohn ein großer Fan (lacht). Beim Autofahren hören wir zum Beispiel oft gemeinsam Imagine Dragons oder NF.

teleschau: Wie kam es dazu, dass Sie den Schritt, auf Englisch zu singen, nun doch gewagt haben?

Catterfeld: Ich hatte nie Angst davor. Es waren immer die anderen, die sich nicht getraut haben! Dass es nun 20 Jahre gedauert hat, bis ich tatsächlich ein englischsprachiges Album aufgenommen habe, finde ich aber krass. Man braucht Menschen bei einer Plattenfirma, die einen bei solchen Vorhaben unterstützen. Jetzt, wo mein Manager und ich die Verantwortlichen des Labels sind, muss ich da zum Glück niemanden mehr fragen.

teleschau: Fällt es Ihnen heutzutage leichter, sich durchzusetzen?

Catterfeld: Ja. Ich glaube, die Musikbranche ist immer noch eine männerdominierte Branche. Ich habe damit ansonsten keine Probleme, aber gerade beim Songwriting gibt es wirklich wenige Frauen, die sich einen Namen gemacht haben. Da muss man sich als Frau einfach durchsetzen, um nicht überhört und mit Ideen und Projektionen überschwemmt zu werden. Ich bin durchaus jemand, der beim Songschreiben sehr bestimmt sein kann. Wenn ich eine Melodie habe, dann möchte ich auch, dass die so Teil des Songs wird. Das musste ich aber auch erst lernen, weil die Männer in der Musikbranche da manchmal sehr dominant sind und zu wissen glauben, was gut für andere ist.

"Man kann nur mutig sein, wenn man zuvor auch Angst hatte"

teleschau: Sie haben zum ersten Mal an allen Songs Ihres Albums selbst mitgeschrieben. Würden Sie sagen, dass es dadurch eine besonders persönliche Platte geworden ist?

Catterfeld: Das ist schwer zu sagen, weil jedes Album zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sehr persönlich ist. Ich habe ja auch bei meinem letzten Album bei den meisten Songs mitgeschrieben. In der Vergangenheit habe ich mich meistens nicht getraut, einen Song alleine fertig zu schreiben und mir Unterstützung geholt. Das war jetzt - unter anderem durch Corona - anders. Den ersten Song, "Change", habe ich im Lockdown geschrieben, und zwar alleine an meinem Klavier zu Hause und später "Cold water", der ebenso entstanden ist. Es ist daher mein mutigstes Album.

teleschau: Auch Ihr Album trägt den Titel "Change". Wie gut kommen Sie selbst mit Veränderung zurecht?

Catterfeld: Die meisten Menschen, inklusive mir selbst, haben Angst vor Veränderung. Im Nachhinein verbirgt sich dahinter aber oft eine Chance. Man kann nur mutig sein, wenn man zuvor auch Angst hatte. Das ist die Botschaft, die für mich dahintersteht. Es ist ein sehr reflektiertes, beobachtendes, kraftvolles Album geworden. Das ist natürlich der Zeit geschuldet, zu der es entstanden ist. Für mich war die Corona-Krise eine Zeit des Nachdenkens. Besonders aus beruflicher Sicht war die Zeit für viele Menschen eine enorme Belastung, viele haben am Existenzminimum gekratzt oder konnten ihren Job nicht mehr ausüben, andere haben ihren derzeitigen Job hinterfragt und sind neue Wege gegangen. Um mich herum habe ich ausschließlich Menschen erlebt, für die die Corona-Zeit eine Veränderung im positiven oder negativen Sinn bedeutet hat.

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"Es hat mir total gutgetan, mal zehn Minuten nur für mich zu haben"

teleschau: Wie erging es Ihnen selbst?

Catterfeld: Es war eine Zeit, in der man sich viel mit sich selbst beschäftigen musste. Es war viel Platz für Gedanken. Ich weiß noch, ich habe im Lockdown einen 21-tägigen Meditationskurs gemacht und den dann auch so gut wie jedem empfohlen. Das hätte ich sonst nie getan! Aber es hat mir total gutgetan, mal zehn Minuten am Tag nur für mich zu haben. Das war wirklich toll, ich habe es aber leider nur diese 21 Tage lang durchgezogen (lacht).

teleschau: Haben Sie die Zeit auch genutzt, um zu arbeiten?

Catterfeld: Ich war im ersten Lockdown, wie die meisten auch, zu Hause und habe mich um meinen Sohn und den Haushalt gekümmert. Dadurch blieb kaum Zeit für etwas anderes. Ich habe zwar den ersten Song fürs Album geschrieben, aber danach kam erst mal kein weiterer. Ich war einfach mit alltäglichen Dingen beschäftigt, unter anderem auch Homeschooling.

teleschau: Trotzdem haben Sie in den vergangenen zwei Jahren ein komplettes Album produziert und sich nebenbei auch noch um andere Projekte gekümmert.

Catterfeld: Ja, es ist schon erstaunlich, wie schnell das Album dann letztendlich fertig war. Ich hatte aber auch in den 2 Jahren viele Ideen, Texte und Demos gesammelt. Der Leidensdruck für mich als Künstlerin ist eigentlich mehr, dass man ständig erreichbar sein muss. Zumindest habe ich das Gefühl. Ich arbeite auch ganz oft nachts, also dann, wenn mein Sohn im Bett ist. Oft mache ich auch abends um zehn noch die Wäsche oder solche Dinge, das muss ich mir echt abgewöhnen (lacht). Dennoch freue ich mich jetzt sehr darauf, wenn das Album endlich die Welt erblickt.

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