Alexandra Neldel im Interview

"Was mir passiert ist, war maximal unwahrscheinlich und ganz sicher nicht planbar"

17.11.2021 von SWYRL/Eric Leimann

Bis vor wenigen Jahren zählte Alexandra Neldel zu den größten Stars des deutschen Fernsehens. Dann zog sich die heute 45-Jährige zurück. Nun taucht sie mit der modernen Märchenverfilmung "Die Sterntaler des Glücks" in der TV-Primetime auf - und spricht darüber, was Glück für sie selbst bedeutet.

Über das Privatleben Alexandra Neldels weiß man fast nichts. Selbst zu Zeiten ihrer größten Erfolge, etwa der Serie "Verliebt in Berlin" oder den "Wanderhuren"-Blockbustern auf SAT.1, schaffte es die Westberlinerin, dass so gut wie nichts über ihr Leben abseits der Kamera nach außen drang. In den letzten fünf Jahren scheint der ausgeprägte Wunsch nach Privatheit der Schauspielerin einen neuen Lebensstil verordnet haben. Darüber spricht Alexandra Neldel anlässlich ihres zutiefst romantischen Films "Die Sterntaler des Glücks" (Sonntag, 21. November, 20.15 Uhr, ZDF), in dem sie - bei freier Interpretation des Grimmschen Sterntaler-Märchens - eine Frau spielt, die absolut nichts hat und trotzdem dazu bereit ist, noch ihr letztes Hemd Bedürftigen zu spenden.

teleschau: Was bedeutet für Sie Glück?

Alexandra Neldel: Es ist nicht leicht, Glück in einem Wort zu erklären. Ich hatte wahnsinnig viel Glück im Leben. Allein, wenn man bedenkt, wie ich zu diesem Beruf kam, dann ist das ein bisschen wie im Märchen. Was man unter Glück versteht, verändert sich, wenn man älter wird. Heute bedeutet Glück für mich etwas anderes als früher. Es bedeutet, dass es mir gut geht und ich zufrieden mit meinem Leben bin.

teleschau: Glück ist für Sie also weniger ein Ereignis, sondern ein Zustand?

Alexandra Neldel: Ja, das würde ich sagen. Ich bin zum Beispiel glücklich darüber, dass ich heute mehr Zeit habe als früher. Auch darüber, dass ich gelernt habe, besser mit meiner Zeit umzugehen.

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"Es war ein bisschen wie im Rausch"

teleschau: Was musste passieren, damit dieses Glück geschehen konnte?

Alexandra Neldel: Ich glaube nicht, dass man Glück erzwingen kann. Fast alles Gute, das mir passiert ist, basierte auf Zufällen, auf glücklichen Fügungen. Heute bin ich glücklich, dass ich als Quereinsteigerin immer noch in diesem Beruf arbeite, denn ich bin nach wie vor unglaublich gerne Schauspielerin. Dass ich mit meiner Zeit eigenständig umgehen kann, dass ich sie selbst verwalten kann, ist für mich ebenfalls ein großes Glück.

teleschau: Viele junge Menschen opfern der Karriere eine Menge Zeit und Anstrengung. Manche sind bereit, alles für ihre Karriere zu tun. Wie war das bei Ihnen - und hat es sich verändert?

Alexandra Neldel: Na klar hat es sich verändert - ich habe früher mehr gearbeitet. Aber das lag daran, dass es für mich das Schönste war, was ich mir vorstellen konnte. Meine Filme und Serien erhielten viel Aufmerksamkeit. Und ich habe mich immer schon aufs nächste Projekt gefreut. Manchmal drehte ich den ganzen Tag, und danach folgte bei einer anderen Produktion ohne Pause ein Nachtdreh. Es war ein bisschen wie im Rausch. Ich habe ihn genossen, aber ich könnte heute nicht mehr so leben. Wahrscheinlich würde meine Gesundheit auch nicht mehr mitspielen (lacht) ...

teleschau: Würden Sie denn gerne mehr arbeiten als jetzt gerade?

Alexandra Neldel: Ich weiß es gar nicht. Ja, ich denke, ich könnte mich wieder für einen anderen Lebens- und Arbeitsstil begeistern, wenn das richtige Angebot käme. Im Schauspieler-Leben hängt sehr viel von diesem einen Umstand ab: Gibt es das richtige Angebot!

"Zeit ist für mich zu einem sehr wertvollen Gut geworden"

teleschau: Bis vor fünf, sechs Jahren gab es noch sehr regelmäßig neue Projekte mit Ihnen, danach scheint Ihre Filmografie fast so ein bisschen abzureißen. War es ein bewusster "Cut"?

Alexandra Neldel: Ja und nein. Ich habe deutlich weniger gemacht, aber es war auch nicht so wenig, wie es schien. Das liegt daran, dass meine alten Projekte - ob es nun "Verliebt in Berlin" oder später die "Wanderhuren"-Filme waren, alle große mediale Aufmerksamkeit erhielten. In den letzten Jahren habe ich verstärkt Synchron gemacht, oder ich spielte zuletzt im Kinofilm "Takeover" mit den Lochmann-Brüdern. Es war der erste Film, der nach dem Lockdown in die Kinos kam. Das war natürlich kein idealer Starttermin, wenn sich die Leute noch nicht so recht in die Kinos trauen.

teleschau: Waren Sie denn auch kritischer, was die Rollen betrifft?

Alexandra Neldel: Ja, durchaus. Ich mache bei Weitem nicht mehr alles, was mir angeboten wird. Zeit ist für mich zu einem sehr wertvollen Gut geworden.

teleschau: Wie nutzen Sie diese Zeit?

Alexandra Neldel: Für normale, sehr bodenständige Dinge. Ich liebe es zum Beispiel, mich dem Garten zu widmen. Da helfe ich meiner Mutter, aber auch bei mir gibt es viel zu tun. Dazu koche ich sehr gern. Ich lasse mir einfach Zeit, die Dinge des Alltags mit Ruhe und Muße zu erledigen. Ich brauche kein großes privates Projekt, um meine Zeit zu füllen. Ich empfinde es sogar als ein Stück Lebensqualität, dass ich nicht den Drang oder das Bedürfnis habe, die Zeit anders zu füllen.

"Wer lächelnd durch die Straßen läuft, bekommt auch eher ein Lächeln zurück"

teleschau: In "Die Sterntaler des Glücks" spielen Sie eine Frau, die - wie im alten Märchen - allen Menschen Gutes tut, obwohl sie selbst fast nichts hat. Glauben Sie, dass eine solche Einstellung im echten Leben belohnt wird?

Alexandra Neldel: Wahrscheinlich würde man der Sterntaler-Figur heute ein Helfersyndrom unterstellen (lacht). Altruismus und Nächstenliebe werden aber nur dann belohnt, wenn man keine Belohnung erwartet. Ich glaube, helfen zu wollen, ist entweder im Menschen angelegt oder nicht.

teleschau: Das selbstlose Helfen kennt man aus den Religionen. Das Prinzip der Nächstenliebe im Christentum oder das Karma-Konzept im Buddhismus. Glauben Sie an so etwas?

Alexandra Neldel: Ja, unbedingt. Man muss noch nicht mal religiös sein, um daran zu glauben, sondern sich nur an das alte Sprichwort "wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus" erinnern. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wenn uns jemand gut behandelt, wollen wir sie oder ihn ebenfalls gut behandeln. Zumindest spüren wird diesen Impuls in uns. Wer lächelnd durch die Straßen läuft, bekommt auch eher ein Lächeln zurück. Wer jedoch Karma-Punkte sammeln will, um am Ende gut dazustehen, wird nicht unbedingt sein Ziel erreichen. Dafür haben die Menschen ein zu gutes Gespür dafür, wer es mit der Nächstenliebe ernst meint und wer andere Ziele verfolgt.

teleschau: Ihre Heimatstadt Berlin ist für einen eher ruppigen Umgangston bekannt. Inwieweit ist der Geist von Orten dafür verantwortlich, wie nett die Menschen zueinander sind?

Alexandra Neldel: Der Geist von Orten, die Atmosphäre, spielen auf jeden Fall eine große Rolle. Wir Menschen spüren ja, ob wir mit unserer grundsätzlichen Bereitschaft, nett zu anderen zu sein, ankommen, oder ob das eher nicht der Fall ist. Wobei ich das mit Berlin als Berlinerin natürlich nicht ganz so stehen lassen kann. Hinter der berühmten "Berliner Schnauze" verbirgt sich eigentlich eine Menge Liebe für die Menschen und das Leben. Es kommt nur immer etwas flapsig rüber. Die Berliner Ruppigkeit ist eigentlich auch eine Form von Nächstenliebe. Sie versteckt sich nur ein bisschen hinter einer sehr direkten Ansprache, die manche überfordern kann, die diesen Umgang nicht gewohnt sind.

"Ich habe auch mal einen schlechten Tag und schnauze meine Mitmenschen an"

teleschau: Was kann man gegen echte Ruppigkeit oder gar Aggressionen tun, die einem von Mitmenschen entgegenschlägt?

Alexandra Neldel: Ich probiere es meist mit Ehrlichkeit. Wenn man zugibt, dass man von jemandem verletzt wurde, löst das mehr beim Gegenüber aus, als wenn ich auf Angriffsmodus schalte. Ebenso ist es umgekehrt. Ich habe auch mal einen schlechten Tag und schnauze meine Mitmenschen an. Ich finde es immer toll, wenn man selbst erkennt, dass es jetzt gerade so ist. Ich versuche dann, mich zu entschuldigen und zu erklären, warum ich heute so bin. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht.

teleschau: Manchmal sagen wir "das fehlt mir noch zu meinem Glück". Gibt es Dinge, die Ihnen zum Glück fehlen?

Alexandra Neldel: Oh Gott, ich bin so langweilig, aber mir fällt nichts dazu ein. Ich bin so glücklich, wie es gerade ist. Ich brauche gerade nichts. Mir geht es wirklich gut. Das Einzige, was ich mir wirklich wünsche, ist, dass wir endlich diese Pandemie in den Griff bekommen, damit wir Weihnachten nicht wieder alleine dasitzen oder durchzählen müssen.

teleschau: Aber gab es so etwas mal in Ihrem Leben, dass Sie gesagt haben: Dieses oder jenes fehlt mir noch zu meinem Glück?

Alexandra Neldel: Nein, das gab es nie. So funktioniert es zumindest bei mir nicht. Ich habe Zahnarzthelferin gelernt, weil ich auf dem zweiten Bildungsweg Zahntechnikerin werden wollte. Doch dann bin ich angesprochen worden und Schauspielerin geworden. Das, was mir passiert ist, war maximal unwahrscheinlich und ganz sicher nicht planbar. Ich glaube, ich gehörte schon immer zu jenen Menschen, die sich anschauen, was passiert und nicht zu jenen, die etwas erzwingen wollen.

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