Die größte Show aller Zeiten

Vor dem Comeback mit Thomas Gottschalk: Brauchen wir ein neues "Wetten, dass ..?"?

24.10.2021 von SWYRL/Frank Rauscher

Ja, es gab einmal Fernsehunterhaltung mit gesellschaftlicher Relevanz - einst erfunden von Frank Elstner: Nun gibt es mit Thomas Gottschalk ein einmaliges Comeback von "Wetten, dass ..?". Die Frage ist: Sollte man nicht langsam mal ernsthaft über eine Neuauflage der Kultshow nachdenken?

Er ist wieder da! Wobei: Eigentlich war Thomas Gottschalk nie weg - sowohl im TV als auch in den Boulevardmedien lebte der große Blonde mit dem fragwürdigen Klamottengeschmack seinen Legendenstatus auch in der jüngeren Vergangenheit genüsslich aus. Allein: Die ganz große Bühne seiner Samstagabendshow, die unangefochtene Rolle des obersten deutschen Fernsehunterhalters, die hatte er nach dem Ende seiner "Wetten, dass ..?"-Ära eindeutig verloren. Jetzt folgt mit dem stolzen Alter von 71 Jahren doch noch ein Comeback als Zampano des Hauptabends: "Wetten, dass ..?" zur besten Sendezeit, live und in Farbe.

Auch wenn es sich Beteuerungen des ZDF zufolge nur um eine einmalige "Sonderausgabe" handelt, zieht das Event alle Augen auf sich, und in Zeiten von Game-, Trash- und Reality-Shows, in Zeiten, in denen ein Florian Silbereisen das Zepter als Quotenkönig schwingt, fragen sich nicht wenige, wie viel Potenzial so eine "Wetten, dass ..?"-Neuauflage hat. Geht da vielleicht noch mehr?

"Es wird ein 'Wetten, dass ..?', wie wir es uns alle vorstellen", verriet ZDF-Unterhaltungschef Dr. Oliver Heidemann vor der Sendung am Samstag, 6. November, 20.15 Uhr. "Kein Blick zurück", sei zu erwarten, "sondern eine große Familienshow mit allem, was diese Sendung immer stark gemacht" habe: "Wir haben tolle Wetten, selbstverständlich auch eine spektakuläre Außenwette, nationale und internationale Musik-Acts und eine Couch voll mit großen Stars. Dazu ein Moderator, der sich riesig darauf freut, in sein altes Wohnzimmer zurückzukommen. Und wenn dann noch Michelle Hunziker die Bühne betritt, dann wissen alle, dass das der beste Platz für diesen Abend ist." Sogar noch weniger Substanz ließ sich der Gastgeber entlocken. "Eine fränkische Karriere: Erster Atemzug in Bamberg, jetzt der Höhepunkt mit 'Wetten, dass ..?' in Nürnberg! Die ganze Welt der Show in 60 Kilometern!" - Als er das zu Protokoll gab, war Thomas Gottschalk eindeutig ganz bei sich selbst. Zu unwichtig hat er sich ja eigentlich noch nie genommen, aber einem wie ihm hat man das Schnodderige gerne verziehen. Früher. Denn wahr ist auch: Was einst cool rüberkam, polarisiert neuerdings schnell einmal.

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Warum ist das TV-Lagerfeuer erloschen?

Man kann im Rückblick vieles über Thomas Gottschalks "Wetten, dass ..?"-Ära sagen, aber auf seine Gäste konnte sich der Franke immer verlassen. "Thommy", wie er in seinen besten Jahren stets vom Boulevard genannt wurde, hatte einfach einen Schlag bei den Stars. Sie kamen bis zuletzt gerne zu ihm: "Du bist eine Institution, du kannst nicht aufhören!" - Mit diesen flehenden Worten wandte sich etwa Supermodel Naomi Campbell an den Moderator - just nachdem dieser verkündet hatte, den Job als "Wetten, dass ..?"-Gastgeber an den Nagel zu hängen.

Dies trug sich vor etwas mehr als zehn Jahren, am 12. Februar 2011, auf der Bühne in Halle an der Saale und live im ZDF zu. Es war die insgesamt 193. "Wetten, dass ..?"-Ausgabe und die Sendung zum 30-jährigen Bestehen jener Show, die über so viele Jahre als "Quotenflaggschiff" der Mainzer Furore machte, bevor es wie alle Formate aus der guten, alten Zeit versenkt wurde. Das ZDF hat die Sendung, die nach Gottschalks Ausstieg in ihren letzten Jahren noch 16-mal von Markus Lanz moderiert wurde, mit der 215. Ausgabe am 13. Dezember 2014 eingestellt. Überfällig, befanden die Kritiker, während Fernseh-Romantiker noch heute den Kopf darüber schütteln, wie das ZDF eine derart starke Marke so einfach zu Grabe tragen konnte.

Was ging uns mit dem Ende der Sendung eigentlich verloren? - "Sie galt als 'größte Fernsehshow Europas", ist bei Wikipedia über "Wetten, das ..?" zu lesen. Und sie war lange Zeit eines der letzten Relikte einer vergangenen Zeit. Vor genau 40 Jahren, am 14. Februar 1981, wurde die Eurovisionssendung erstmals ausgestrahlt. Damals, moderiert vom Erfinder des Konzepts, Frank Elstner, und unter völlig anderen Vorzeichen auf den von wenigen Programmen bestimmten TV-Markt geworfen, war "Wetten, dass ..?" ein Ereignis von nationaler Tragweite.

Wer mag, kann sich anlässlich des einmaligen Comebacks im ZDF noch einmal an den beiden großen Personalfragen abarbeiten, die mit dem Ende der Kultsendung wohl für immer verbunden bleiben werden: Was wäre gewesen, wenn Thomas Gottschalk nicht aufgehört hätte? Und: Hätte Hape Kerkeling, der vor zehn Jahren eine Weile als Gottschalks erster Nachfolger gehandelt worden war, die Show vor dem Niedergang bewahrt?

Wem solche Hypothesen zu anstrengend sind, der darf sich auch nur erinnern: an ein furioses Stück TV-Geschichte, das sehr lange im Sinne des jeweils vorherrschenden Zeitgeistes unterhaltsam war und zugleich aufgrund der gewaltigen Reichweite in einem hohen Maße relevant. "Wetten, dass ..?" war ein Konsensformat erster Güte, der kleinste gemeinsame Nenner, die pure Massenbespaßung am Samstagabend, in der ein wenig Botschaft und Ernsthaftigkeit nicht weiter störten. So etwas durfte man durchaus als Kitt der Gesellschaft bezeichnen - bis es irgendwann damit losging, dass auch diese Art Fernsehen der geballten Kritik der Netzgemeinde ausgesetzt war, sich über jede einzelne Sendung von Markus Lanz reflexartig ein hämischer Shitstorm ergoss und Teile der Gesellschaft augenscheinlich ganz grundsätzlich ihre Lust auf Konsens verloren. Am früher so gerne beschworenen "TV-Lagerfeuer" mochten sich immer weniger wärmen.

Zu teuer, zu wenig Quote

Natürlich darf man nichts verklären: Der unentwegte Shitstorm-Alarm sorgte am Ende lediglich für eine Beschleunigung des wohl unvermeidlichen Untergangs. Den Ausschlag für das Aus von "Wetten, dass ..?" gaben andere Faktoren. Als im Oktober 2014 das Ende bekannt gegeben wurde, hatte ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler den Schritt so begründet: "In den letzten Jahren hat sich im Showbereich sehr viel verändert. Das trifft alle Sender und Unterhaltungsprogramme, besonders hart aber 'Wetten, dass ..?' als traditionsreichste Show in Deutschland." Das Format habe an Anziehungskraft verloren, der Aufwand stehe nicht mehr im Verhältnis zur Zuschauer-Resonanz.

So waren nun mal die Fakten: "Wetten, dass ..?" gehörte zu den teuersten Unterhaltungsshows, zuletzt hatten kaum mehr sechs Millionen Menschen zugesehen. Die Zeiten, zu denen sich die halbe Republik am Samstagabend vor dem TV-Gerät versammelte, um die Show, die einst sogar nach China exportiert worden war, zu sehen, waren vorbei.

Blick in die Historie: Alles begann mit Frank Elstner

Frank Elstner hatte die Idee für eine große Samstagabendshow, die prominente Gäste und einfache Menschen, die als Wettkandidaten ihr teils außergewöhnliches, teils skurriles Können präsentieren dürfen, zusammenbringen sollte. Doch aller Anfang war bieder. "Guten Abend, meine Damen und Herren, ich war lange nicht mehr im Fernsehen" - mit diesen Worten begrüßte er die Gäste zur ersten Sendung, die am 14. Februar 1981 live aus Düsseldorf ausgestrahlt wurde. Schon damals überzog Elstner, mit großer Brille und Karosakko optisch eher Typ Mathelehrer denn Starmoderator, um 43 Minuten. Hans Ossner gewann als "Gummiwärmflaschenaufbläser" eine der ersten Wetten, und Schlagersänger Engelbert sorgte für die musikalische Untermalung der ersten Show.

Bevor Elstner 1987 an Thomas Gottschalk übergab, schalteten pro Sendung oft über 20 Millionen Zuschauer ein. Am 9. Februar 1985 waren es 23,42 Millionen - ein Rekord, der nie geknackt werden sollte. Schon zu den Anfangszeiten gehörten internationale Stars zum Konzept. Es kam zu legendären Auftritten, mitunter wurde gerade in der Anfangszeit Geschichte geschrieben: Am 16. April 1983 war es etwa Johnny Cash, der sichtbar angetrunken "Ring Of Fire" auf der "Wetten, dass ..?"-Bühne zum Besten gab ...

Nach 39 Sendungen hatte Elstner dann genug von der eigenen Sendung: "Meine Spannung war verloren gegangen. Wenn der Moderator bei seiner eigenen Sendung nicht mehr mitfiebern kann, ist es aus", schrieb er in seinen 2012 veröffentlichten Erinnerungen.

Aber auch unter Thomas Gottschalk blieb "Wetten, dass ..?" der Deutschen liebste Samstagabendshow. Mit Gottschalk wurden nicht nur die Moderationen frecher, auch die kunterbunte Garderobe des blondgelockten Showmasters stand im krassen Gegensatz zu den Outfits seines Vorgängers. Abgesehen von einer rund einjährigen Unterbrechung, in der Wolfgang Lippert die Sendung neunmal präsentieren durfte, moderierte Gottschalk "Wetten, dass ..?" von 1987 bis 2011.

Gottschalk prägte die Show wie kein anderer

Mit seinen 151 Sendungen prägte er die Show wie kein anderer, hatte aber auch den größten Skandal zu verkraften: 1988 wettete ein Mann, er könne die Farbe von Buntstiften alleine am Geschmack erkennen. Wie sich später herausstellte, hatte der Wettkandidat - ein Mitarbeiter der Satire-Zeitschrift "Titanic" - durch seine angeblich blickdichte Brille einfach hindurchgelinst.

Am 3. Dezember 2011 führte Gottschalk schließlich das letzte Mal durch "Wetten, dass ..?". Vorausgegangen war der traurigste Moment in der Geschichte der Show: Am 4. Dezember 2010 verunglückte der damals 23-jährige Samuel Koch bei einem Wettversuch schwer, seitdem ist er querschnittsgelähmt. "Nach dem Unfall liegt ein Schatten auf der Sendung", begründete Gottschalk seinen Abschied.

An die Quotenerfolge von Frank Elstner konnte er zwar nie anknüpfen - veränderte Sehgewohnheiten und nicht zuletzt die Konkurrenz durch das mit Castingformaten erfolgreiche Privatfernsehen machten der öffentlich-rechtlichen Show schon zu seiner Zeit zunehmend zu schaffen. Dennoch hatte auch er Zuschauerzahlen meist im zweistelligen Millionenbereich. Davon konnte Markus Lanz nur träumen.

Alle sprachen über die Sendung

Was bleibt, ist nicht zuletzt die Erinnerung an eine Show, die den ganz Großen der Musikszene eine Bühne in Deutschland bot. Unvergessen sind etwa der Auftritt von Michael Jackson 1995 oder auch die insgesamt neun Performances von Robbie Williams. Und während Peter Maffay satte 17-mal auf der "Wetten, dass ..?"-Bühne stand, durfte Iris Berben insgesamt elfmal neben Elstner, Gottschalk und Lanz Platz nehmen. Couch-Rekord!

Auch die kleinen Skandälchen, die am Sonntagmorgen stets die halbe Republik bewegten, gehörten zum Erfolg von "Wetten, dass ..?", wie die zusammengerechnet rund drei vollen Tage überzogener Sendezeit. Legendär der Auftritt von Götz George, der 1998 seinen Film "Solo für Klarinette" vorstellen sollte - aber nicht recht wollte und für seine Motz-Attacken auf Gottschalk vom Publikum genüsslich ausgebuht wurde. Weitaus schöneren Anlass zum Aufregen gaben da die Auftritte der nur spärlich bekleideten Cher 1987 oder von Sarah Connor, die 2002 in einem Hauch von Nichts auf die Bühne ging.

Es bräuchte jede Menge Glauben - und einen langen Atem

Etwas mehr als 40 Jahre nach der ersten Sendung darf es einem ruhig ein bisschen feierlich zumute sein, sofern man ein Herz für das gute, alte Showfernsehen hat. Mit "Wetten, dass ..?" verschwand das größte Unterhaltungsprogramm, an das wir uns erinnern, von der Bildfläche: nicht nur irgendeine Samstagabendshow, sondern eine Sendung, die zur Sozialisierung ganzer Generationen beitrug. Inzwischen sind es längst nicht nur hoffnungslose TV-Nostalgiker, die behaupten, so etwas bräuchte es heute wieder: einen Gegenpol zum Privatfernsehen, das mit sogenannten C-Promis und Reality-Stars längst zu einem Bruchteil der Produktionskosten abendfüllende Spaßveranstaltungen in hoher Frequenz unters Volk bringt; und vor allem eine Musikshow mit echten Stars - internationaler, größer, weniger schlagerlastig als die Formate von Florian Silbereisen.

Was es allerdings nicht braucht, ist ein weiteres Format, über das sich in den sozialen Medien Häme und Wut ergießen. Die Frage ist daher weniger, ob bei einer Neuauflage die Quote stimmen würde - sechs, sieben Millionen Zuschauer wären aus heutiger Sicht ein ziemlicher Erfolg -, sondern vielmehr, wem die Verantwortlichen mehr Gehör schenken würden: den Romantikern, die sich mit so einem kuscheligen Stück Fernsehen in der Mitte der Gesellschaft wohlfühlen, oder den Krakeelern am Rand, die fraglos jede einzelne Ausgabe eines solchen "Mainstreammedien"-Elaborats entschieden in Grund und Boden hassen würden. Es bräuchte jede Menge Glauben - und einen langen Atem.

Nun also ein kleiner Feldversuch, zu dem es bereits vor einem Jahr hätte kommen sollen. Eine Sondersendung als Reminiszenz an das 40-Jahre-Jubiläum. Sie sollte im Herbst 2020 ausgestrahlt werden - mit Thomas Gottschalk, der 70 Jahre alt wurde. Dann machte Corona einen Strich durch diese schöne Rechnung. Ein "Wetten, dass ..?" ohne Saalpublikum - unvorstellbar.

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