Tatort: Die Ferien des Monsieur Murot - So. 22.11. - ARD: 20.15 Uhr

Urlaub vom Ich

19.11.2020 von SWYRL

Ulrich Tukurs "Tatort"-Wahnsinn, Folge neun: Der Kommissar trifft im Urlaub seinen Doppelgänger und übernimmt dessen Leben. So absurd, wie das klingt, ist der Film jedoch nicht. "Monsieur Murot" ist eine Hommage an feine französische Psychothriller - und einen vergessenen Ausnahme-Komiker.

"Und wer weiß, vielleicht kehre ich ja als ein anderer zu Ihnen zurück", schreibt der urlaubende LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) auf eine Postkarte an seine Wiesbadener Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp). Natürlich, wie könnte es bei dem aus der Zeit gefallenen Kommissar anders sein, gehorcht seine mit "Grüße aus dem schönen Taunus" überschriebene Postkarte ebenso der Ästhetik der 50-er und frühen 60-er-Jahre wie der "Wirtshaus im Spessart"-artige Hotel-Gasthof, in dem der Retro-Fan seine Ferien verbringt.

Ziemlich gegenwärtig wird es im neuen Murot-"Tatort" allerdings, als er von einer vor ihm hingeknallten Schweinshaxe jäh aus den philosophischen Gedanken rund um schöngeistige Ferien gerissen wird. Ein anderer muss das Essen bestellt haben. Als Murot mit dem dampfenden Teller nach dem eigentlichen Empfänger fahndet, traut er seinen Augen nicht. Am anderen Ende des Biergartens sieht er Walter Boenfeld (ebenfalls Ulrich Tukur), der ihm wie ein Ei dem anderen gleicht. Nur das Wesen des Lookalikes ist ein anderes: Boenfeld ist so, wie man sich einen Unternehmer alter Schule im Klischee vorstellt: laut, derbe, machohaft - aber in seiner lebensintensiven Art auch nicht unsympathisch. Boenfeld will sein Alter Ego unbedingt näher kennenlernen. Gemeinsam leert man eine Weinflasche nach der anderen, sauniert im Privathaus des Autohändlers und lässt es sich im sommerlichen Garten gutgehen.

Nach einer volltrunkenen Kleider-Tauschaktion schläft Murot in den bunten Klamotten Boenfelds auf der Hollywoodschaukel ein, während der Unternehmer, der mit Oldtimern ein exklusives Geschäftsmodell für wohlhabende Menschen aus dem Taunus betreibt, auf der Landstraße Opfer einer tödlichen PKW-Attacke wird. Am nächsten Morgen glaubt die Öffentlichkeit, der Tourist Murot wäre bei einem Unfall gestorben, während der echte Kommissar verkatert als Walter Boenfeld erwacht. Weder dessen Frau (Anne Ratte-Polle), noch die befreundeten Nachbarn (Thorsten Merten, Carina Wiese) ahnen etwas. Auch auf der Arbeit nehmen die nur ansatzweise verdutzen Mitarbeiter den "neuen" Chef an.

Da der echte Boenfeld Murot jedoch in der Sauna verriet, dass er glaubt, seine Frau wolle ihn umbringen, kommt es dazu, dass Murot sein neues falsches Leben erst mal beibehält. Das Ziel des "verdeckten Ermittlers": Er will mehr über das menschliche Biotop rund um Boenfeld erfahren. Dass dessen Frau beim ersten Anblick des "falschen" Ehemanns am Tag nach dem Unfall wirkt, als hätte sie einen Geist gesehen, macht sie nicht unverdächtiger. Trotzdem bleibt auch Monika das neue Wesen ihres Partners nicht verborgen. Kann es sein, dass sie es gar nicht so schlecht findet, dass ihr Ehemann als ein anderer zurückgekehrt ist?

Claude Chabrol im Taunus der 50-er-Jahre

Der noch weitgehend unbekannte Grzegorz Muskala, ein Kreativer vom Niederrhein mit polnischen Wurzeln, gibt mit "Die Ferien des Monsieur Murot" sein "Tatort"-Debüt als Regisseur und Co-Drehbuchautor (mit Ben Braeunlich, Headautor von "Professor T"). Muskala hatte mit seinem Regieklassen-Abschlussfilm "Die Frau hinter der Wand" und einigen Kurzfilmen viel Aufmerksamkeit und einige Preise eingeheimst. Wie sein Debüt-Langfilm ist auch Muskalas erster "Tatort" ein Psychokrimi der Marke Claude Chabrol. Ein leises, aber durchaus spannendes Spiel mit Blicken, Beobachtungen und Verdächtigungen innerhalb einer Partnerschaft und unter engen Freunden. Das reizvolle Prinzip des "Mäuschenspielens" in einem fremden Leben.

Die geschickten Methoden und Improvisationen Murots, die verbergen sollen, dass er kaum etwas über jenen Mann weiß, in dessen Rolle er geschlüpft ist, stellen den grundsätzlichen Reiz dieses Plots dar. Die Szenen dazu funktionieren natürlich nur dann, wenn wie in diesem Fall exzellente Schauspieler das behauptete Geschehen mit guten Drehbuchzeilen zum Leben erwecken.

Die lange Zeit unterschätzte und eher in Nebenrollen aktive Anne Ratte-Polle spielt ihre Rolle als vielschichtige Ehefrau und Mordverdächtige grandios, ebenso wie Thorsten Merten und Carina Wiese die seltsamen Freunde mit Geheimnis geben. In einer der besten Szenen haben sich die beiden Ehepaare zu einem Tennis-Doppel-Match verabredet. Nicht nur, dass hier vier Schauspieler zum ersten Mal im Leben einen Schläger in der Hand hatten, kaschieren Training und Schnitt. Der leichtfüßige Filmmoment arbeitet auch die sich wandelnde Beziehung zwischen Murot und seiner Schein-Ehefrau brillant heraus - und ist zudem eine Hommage an den Titel des neuen Tukur-"Tatorts", der an den französischen Humor-Klassiker "Die Ferien des Monsieurs Hulot" (1953) mit Jacques Tati erinnern soll.

Tukurs vierte Filmklassiker-Hommage in Folge

In jenem ohne Dialog funktionierenden Filmklassiker des französischen Humor-Giganten Tati besiegte dessen Figur Monsieur Hulot beim Tennisspiel als absoluter Laie die versammelten Cracks dank eines seltsamen, beim Erwerb des Schlägers von der Verkäuferin abgeguckten Spezial-Aufschlags. Überflüssig zu behaupten, dass Ulrich Tukur, bekennender Nostalgiker, ein Fan des 1982 verstorbenen Jacques Tati war und mit ihm dessen Vorliebe für skurrilen Slapstick, alte schöne Dinge und eine allgemeine Skepsis dem "Modernen" gegenüber teilt. Auch wenn "Die Ferien des Monsieur Murot" viel mehr an französische Psychokrimi-Meister und weniger an Jacques Tatis filmisches Werk erinnert, ist der neunte Murot-"Tatort" der vierte in Folge, der mit der Idee einer filmischen Hommage an die Krimi-Blaupause "Tatort" herantritt.

Die drei Fälle zuvor erinnerten an eine dunkle Action-Dystopie der Siebziger ("Angriff auf Wache 08"), an den Zeitschleifen-Klassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier ("Murot und das Murmeltier") sowie an David Finchers Horror-Gruselthriller "Sieben" ("Es lebe der Tod"). Nicht jeder Zuschauer ist ein Fan dieser Experimente, aber man muss Ulrich Tukur und dem innovationsfreudigen Fernsehfilm-Team des Hessischen Rundfunks lassen: Die Stoffe bleiben reizvoll und die filmische Umsetzung der Ideen hat Qualität. Vielleicht kehrt ja der ein oder andere Zuschauer anders aus diesem wieder einmal sehr unkonventionellen Krimi zurück, wie er hineingegangen ist.


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