Tatort: Verschwörung - So. 09.05. - ARD: 20.15 Uhr

Der neue "Tatort" aus Wien: Schmieriger Filz

04.05.2021 von SWYRL/Eric Leimann

In Wien herrscht die Sommerhitze. Ein Jogger ist zusammengebrochen und tief in den Abgrund gestürzt. Die Ermittler Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln unter ehrgeizigen Marathonläufern und Aufsteigern, die ein Netzwerk der Überlegenen zu betreiben scheinen.

Endlich mal ein heller, freundlicher "Tatort" aus Wien, könnte man meinen. In "Verschwörung", dem 27. gemeinsamen Fall der Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser), wird durch sommerliche Wälder gejoggt, man sieht tolle Designerhäuser an Weinberghängen, und die Ermittler essen ein Freunschafts-Eis in der österreichischen Sommerhitze. Gerade nach dem letzten, düsteren Psychofall "Die Amme" - er spielte im abgerockten Rotlichtmilieu und setzte sich zudem über die Figur eines Täters in Frauenkleidung in die Gender-Klischeenesseln - kann der Wiener "Tatort" ein wenig "Helligkeit" gebrauchen. Trotzdem muss diese Hoffnung natürlich im Widerspruch enden, schließlich muss es ja auch hier eine Leiche geben: Es ist Jogger Dr. Wagner (Stefan Fent), ein hohes Tier im Innenministerium, der während des Sports aus großer Höhe in eine industrielle Sandgrube gestürzt ist.

An seinen Brüchen ist der Politiker jedoch nicht gestorben, es war ein Herzinfarkt. Im Blut des Sportlers mit ambitioniertem Marathon-Laufziel befindet sich ein Dopingmittel. Hat es der Mann um die 50 einfach nur übertrieben - und ist seinem Ehrgeiz zum Opfer gefallen? Eisner und Fellner suchen die halb so alte Witwe (Lili Epply) des Opfers in ihrem Designerhaus am Weinberg vor den Toren Wiens auf.

Sie scheint ehrlich schockiert zu sein. Neben dem wunderschönen, lichtdurchfluteten Anwesen steht eine Art Zwillings-Bungalow, in dem ein gemeinsamer Freund des Paares lebt: Dr. Leytner (Matthias Franz Stein) war ein politischer Weggefährte und Freund des Toten. Ihr gemeinsamer Aufstieg verlief lange Zeit reibungslos, privat war man eng verbunden - was das Bauen nebeneinander zu beweisen scheint.

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Im Reich der Freunderlwirtschaft

Steigt man etwas tiefer in das Leben der Karrieristen Wagner und Leytner ein, kommt heraus: Die beiden konnten unagenehm werden. Als "hässliches Gesicht des Ministerium" bezeichnete eine NGO-Vertreterin den Politiker einst in der Presse, doch als die Ermittler bei ihr nachforschen, soll alles nur ein Missverständnis gewesen sein: Man habe sich entschuldigt und danach gut verstanden. Während die Ermittler tiefer in Machenschaften von Wiener Karrieristen und Seilschaften eindringen, kommt vor allem für Moritz Eisner der genretypische Ermittler-Hammer. Weil er offenbar in ein Wespennest gestochen hat, wird der erfahrene Ermittler auf einen neuen Posten verfrachtet: in einen fensterlosen Raum außerhalb der Stadt, zur Abteilung "Cold Cases". Die Gegner der Aufklärer scheinen ziemlich mächtig. Aber handelt es sich tatsächlich - wie es der "Tatort"-Titel verspricht - um eine Verschwörung?

Was in Deutschland Vetternwirtschaft heißt - mit dem Kölschen Klüngel als regionale Sonderform -, wird in Österreich mit dem schönen Begriff "Freunderlwirtschaft" oder Filz erfasst. Auch wenn der neue Wiener Fall die verschwörungstheoretische Auflösungsmöglichkeit im Titel trägt, im Krimi der "Tatort"-Novizen Ivo Schneider (Drehbuch) und Claudia Jüptner-Jonstorff (Regie) werden durchaus auch andere Möglichkeiten des Todes von Dr. Wagner angelegt: der krankhafte Ehrgeiz zweier konkurrierender Freunde, die Undurchsichtigkeit einer jungen Geliebten sowie die dubiose Rolle eines prominenten Sportarztes. Und am Ende könnte der Tod sogar ein natürlicher gewesen sein.

Ein Hund namens Moritz

Etwas zerfasert wirkt die Folge "Verschwörung" mit ihren vielen Spuren und Erzählsträngen. Zusammengehalten wird sie durch das Schwitzen ihrer Protagonisten - sei es beim Lauftraining oder einfach nur, weil die Hitze einen auch ohne Bewegung beim Nachdenken grillt. Was den Wiener "Tatort" mal wieder von seinen meist nüchterneren, deutschen Partnerrevieren unterscheidet, sind Wiener Schmähfiguren wie zum Beispiel die des Opferfreundes Dr. Leytner. Mit Clark Gable-Bärtchen und durch und durch überheblichen Gesten wird hier ein Wiener Aufsteiger-Unsympath par excellence porträtiert. Falko-artige Wesen lassen grüßen.

Ohnehin säumen schmierige Gesellen und "Freunderlwirtschafter" diesen Krimi an allen Ecken und Enden. Der insgesamt mittelprächtige Sommerfall von Eisner und Fellner lebt mehr von einzelnen schönen Szenen als von einer runden, schlüssigen Gesamtdramaturgie. Vielleicht die beste Szene: Bevor Eisner bei einer Tierärztin "undercover" wegen eines Medikamentes ermittelt, leiht er sich zur Tarnung den Pudel einer Kollegin aus. Als die Ärztin ihn fragt, wie der Hund heißt, muss das Fake-Herrchen kurz nachdenken, um seine Tarnung weiter nutzen zu können. "Moritz" lautet schließlich der Name des Tieres. Ein eher schlichter Gag, aber im Zusammenspiel mit schwarzen Hundekulleraugen und weißem Pudelfell dann doch irgendwie rührend.

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