Sophie Scholl - Die letzten Tage - So. 09.05. - ARD: 23.35 Uhr

Protokoll einer Tragödie

06.05.2021 von SWYRL/Hans Czerny

Eindrucksvolles filmisches Protokoll der letzten Tage der Münchner Widerstandsgruppe "Weiße Rose" und der ihr angehörenden Studentin Sophie Scholl, die am 22. Februar 1943 gemeinsam mit ihren Gefährten in München-Stadelheim hingerichtet wurde.

Lange mag es anders gewesen sein. Doch inzwischen ist die Widerstandsgruppe "Weiße Rose", die in den Jahren 1942 und 1943 in sechs Flugblatt-Ausgaben zum Widerstand aufrief, den Deutschen ein Begriff. Das mutige Handeln der Münchner Studenten Hans und Sophie Scholl und ihres Professors Kurt Huber steht außer Frage, kritische Selbstmord- und Kamikaze-Theorien sind längst vom Tisch. Marc Rothemunds Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage" (2004) konnte auf neu entdeckte Protokolle zurückgreifen. Er schildert die letzten sechs Tage Sophie Scholls, vom 17. bis 22. Februar 1943, aus deren persönlicher Perspektive. Anlässlich des 100. Geburtstages von Sophie Scholl am 9. Mai wiederholt das Erste den sehr genauen und dabei sehr bewegenden Film.

Unter den jüngsten Filmen über die Nazi-Vergangenheit ist dieser sicherlich der wichtigste. "Sophie Scholl" wahrt den Abstand zu den Tätern, er menschelt nicht auf unangemessene voyeuristische Weise. Autor Fred Breinersdorfer schrieb das Drehbuch nach Polizei- und Prozessprotokollen, die bis 1989 in Sicherheitsarchiven der DDR verschlossen waren. Sollte das Andenken der "Weißen Rose" verborgen bleiben, um die Geschichte des kommunistischen Widerstands nicht zu relativieren und ihm so seine Einmaligkeit zu nehmen? Fast scheint es so: ein Treppenwitz der Geschichte.

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"Der Tag der Abrechnung ist gekommen"

Breinersdorfer und der sorgfältige Regisseur Marc Rothemund konzentrieren sich auf die letzten Tage der Münchner Widerstandsgruppe und ihrer Heldin Sophie Scholl, die zusammen mit ihrem Bruder Hans am 18. Februar 1943 beim Verteilen von Flugblättern, die zum Widerstand gegen Hitler aufriefen, im Lichthof der Münchner Universität festgenommen wurde. Nach kurzem Prozess wurden Hans und Sophie Scholl bereits am 22. Februar zusammen mit anderen Mitgliedern der Gruppe hingerichtet.

"Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigsten Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest unserer deutschen Jugend opfern? Nimmermehr! Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk erduldet hat", hatte es im sechsten und letzten Flugblatt der "Weißen Rose" geheißen.

Julia Jentsch überzeugt als Sophie Scholl

Vielleicht ist zu bedauern, dass sich Rothemunds Film beinahe ausschließlich auf die Zeit nach der Verhaftung, auf das Polizeiverhör und den Prozess vor dem Volksgerichtshof Freislers beschränkt. So gewinnt der Verhörer, der Münchner Polizeischerge Mohr (eindrucksvoll in seiner Konzentration: Alexander Held) eine etwas überdimensionierte Bedeutung. Es ist ja letztlich nicht schrecklich wichtig, ob er etwa der Verhafteten tief in seinem Innersten gerne eine Chance gegeben hätte. Er hat es letztlich nicht getan.

"Sophie Scholl - Die letzten Tage" lässt sich in aller Ausführlichkeit auf die protokollierten Dispute zwischen Verhörer und Opfer ein. Glücklicherweise aber weiß der Zuschauer längst, auf wessen Seite das Recht zu finden ist. Julia Jentsch ist eine Sophie Scholl, die überzeugt, weil sie das Gedächtnis an die zeitgeschichtliche Figur und damit den zeitlichen Abstand gewissermaßen mitzuspielen scheint. Sie verwandelt sich die große Rolle eher unpathetisch an. Doch gerne hätte man ihr eine größere Vorgeschichte gegönnt. Zu Beginn sind Sophie Scholl und ihre Freundin am Radio-Lautsprecher zu sehen. Sie lauschen der Swingmusik und sind voller Heiterkeit. Eine Heiterkeit, die erst ganz am Ende wiederkehrt, wenn spät, nämlich nach Beendigung des Krieges, schließlich doch das Gute siegt.

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