Michael Strempel im Interview - Büroleiter des ARD-Morgenmagazins in Berlin

"Mein Job ist es, Politikersätzen die Verkleidung auszuziehen"

05.07.2021 von SWYRL/Eric Leimann

Michael Strempel ist so nah dran am Puls des Berliner Politbetriebs wie kaum ein anderer. Jeden Morgen kommen Spitzenpolitiker zu ihm ins ARD- "Morgenmagazin". Im Interview verrät der 55-Jährige, was dabei hinter den Kulissen passiert - und welche Interviews "die größte Welle" machten.

Morgenmuffel, Adrenalin-Politiker und kalkulierte Skandale - Michael Strempel, Büroleiter des ARD-Morgenmagazins im Hauptstadtstudio Berlin, kennt alle Tricks im Berliner Politikbetrieb. Jeden Morgen empfängt er Spitzenpolitiker und Spitzenpolitikerinnen zum Interview im "Morgenmagazin" der ARD. In einem sehr offenen Interview plaudert der Familienvater darüber, wie Social Media die Berliner "Regeln" verändert hat, warum die Distanz zwischen Politikern und Medien heute größer ist als vor 20 Jahren und welche seiner Interviews im letzten Jahr am meisten für Furore sorgten.

teleschau: Sie treffen viele Top-Politiker morgens um sieben Uhr. Sind darunter auch Morgenmuffel, die man besser nicht um diese Zeit sprechen sollte?

Michael Strempel: Morgenmuffel unter Politikerinnen und Politikern gibt es definitiv. Das zeigen sie aber nicht im Interview, sondern eher davor. Wir haben ja immer einige Minuten vor den Gesprächen, wo man in der Maske schon mal Tuchfühlung aufnimmt. Da merken Sie genau, wie hoch der Aktionspegel bei den Gästen ist. Morgenmuffel kriegen dort die Zähne weniger auseinander, sie werden eigentlich erst im Interview richtig warm. Diese Art Gäste sind aber die Minderheit. Man merkt schon, dass Politik ein Frühaufsteher-Beruf ist.

teleschau: Ist Spitzenpolitiker nicht ohnehin ein Amt für Hochenergetiker und Adrenalin-Junkies - weil man immer unter Beobachtung steht, immer gefordert ist?

Strempel: Man muss die Energie zumindest sicher zum richtigen Zeitpunkt abrufen können. Es ist entscheidend, wenn man in der Politik Erfolg haben will, dass man genau weiß: Jetzt ist meine Bühne groß, jetzt muss ich liefern! Wenn man sich morgens bei uns im Morgenmagazin verhaut, läuft das den ganzen Tag durch. Was Politiker bei uns sagen, werden sie nicht mehr los. Insofern sollte man schon morgens auf Ballhöhe sein.

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"Es gibt sehr wenige, die frei Schnauze reden"

teleschau: Gibt es einen Unterschied zwischen Vorgespräch und Interviewsituation? Kann man den Menschen hinter dem Politiker besser kennenlernen, bevor die Kamera läuft?

Strempel: Man braucht das Bild, bevor die Kamera angeht, schon dazu, um den Menschen zu verstehen. In der Art wie Politiker sprechen, berechnen sie die Wirkung immer gleich mit. Es gibt sehr wenige, die frei Schnauze reden. Bei vielen ist es schon sehr, sehr geschult. Man merkt bei ihnen - nicht bei allen -, dass sie einen Filter im Kopf haben, gerade in Live-Situationen. Natürlich ist es mein Job, den Filter aufzuknacken. Trotzdem kann ich natürlich nicht vor der Kamera sagen: "Das klang auf dem Flur noch etwas anders ". (lacht)

teleschau: Wollen Politiker die Wahrheit nur entschärft preisgeben?

Strempel: Man muss anerkennen, dass bei Politikerinnen und Politikern - je höher ihre Position, desto mehr - jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Das ist in den meisten anderen Jobs nicht so. Seit es die sozialen Medien gibt, werden Äußerungen noch mal ganz anders unters Brennglas gelegt. Neulich, als die Empörungswelle um von den Grünen geforderte Benzinpreiserhöhungen hochschlug, habe ich den CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus gefragt, wie sich der Preis denn unter einer Unions-geführten Regierung entwickeln würde. Und da sagte er, dass es unter ihnen natürlich auch sehr viel teurer würde.

teleschau: Und diese Aussage war zuvor noch nicht in der Welt?

Strempel: Nicht so deutlich. Deshalb habe ich ihm nach dem Interview gesagt: "Das wird eine Welle machen." Zwei Stunden später dominierte die Aussage in fast allen Portalen die Schlagzeilen. Die "Bild"-Zeitung bezeichnete es als Hammeraussage und so weiter. Es ist ein gutes Beispiel dafür, welche Wirkung relativ banale Bemerkungen haben können.

teleschau: Würden Sie sagen, Brinkhaus hat in diesem Moment einen Fehler gemacht?

Strempel: Nein, würde ich nicht. Er hat sich in diesem Moment eine Offenheit gezeigt, die letztendlich zur Klarheit beigetragen hat, die CDU und CSU in der Debatte ohnehin hätten leisten müssen - weil man sich diesen Klimazielen ja nun mal verschrieben hat. Brinkhaus ist in die Offensive gegangen, ich bin mir nicht sicher, ob das so geplant war. Laschet hat dann zwei Tage später im Zeitungsinterview Ausgleichsregelungen für einen höheren Benzinpreis angekündigt. Es sah nicht unbedingt danach aus, als wäre alles von langer Hand so geplant.

"Man merkte das Adrenalin im Raum, als er kam"

teleschau: Welche anderen Ihrer Moma-Interviews machten in letzter Zeit große Wellen?

Strempel: Glücklicherweise hatten wir ein paar davon. Die allergrößte Welle machte Friedrich Merz mit dem Vorwurf, das Partei-Establishment wolle ihn verhindern. Es war ein Interview, das sich in meine Berufs-Historie eingraben wird. Diese Sache hat er morgens bei uns losgetreten, und man merkte das Adrenalin im Raum, als er kam. Merz war wütend und voller Emotionen, weil er sich betrogen fühlte. Ich glaube sogar, dass es von ihm genauso beabsichtigt war. Für uns war es natürlich ein Scoop.

teleschau: Und sonst?

Strempel: Bemerkenswert war auch das Interview mit Kanzleramtsminister Helge Braun im letzten Oktober. Es war der Morgen nach jener Nacht, in der die Ministerpräsidenten und -präsidentinnen wegen stark steigender Corona-Zahlen Marathon-mäßig getagt hatten, und Braun morgens sagte, dass es vorne und hinten nicht reichen würde, was sie da beschlossen hätten. Auch das war ein Interview mit enormer Wirkung. Weil es den Gegensatz zwischen Aufwand und Nutzen bloßstellte, der in der Politik eben auch manchmal vorkommt.

teleschau: Die Ministerpräsidenten-Konferenzen standen zeitweilig für einen Tiefpunkt an Vertrauen der Menschen in die politische Führung, oder?

Strempel: Man hat im letzten Herbst und Winter gemerkt, dass die anfängliche große Gemeinsamkeit der Politik im Kampf gegen die Pandemie bröckelte. Dass die Autorität der Kanzlerin nicht mehr reichte, die Länder zusammen auf Linie zu bringen. Die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten hatten Sorge, sehr viel strengere Maßnahmen in ihren Ländern nicht verkaufen zu können. Im Kanzleramt hätte man sich aber sehr viel mehr Strenge in der Corona-Bekämpfung gewünscht. Das hat Braun an diesem Morgen eben auch so gesagt. Ich glaube, dass es kein Zufall war.

"Es gibt heute weniger Hinterzimmer-Absprachen zwischen Politik und Medien"

teleschau: Sie haben nun Beispiele erwähnt, in der die Emotion das Taktische ein wenig überrollte. Stört es Sie eigentlich, dass Sie ständig mit Politikern sprechen, die in Stanzen und um den heißen Brei herumreden?

Strempel: Es nervt mich nicht, weil ich es mittlerweile als berufliche Herausforderung angenommen habe, die Fakten aus der Politikerrhetorik herauszuarbeiten. Mein Gegenüber versucht oft, seine Aussagen möglichst weich einzukleiden. Mein Job ist es, Politikersätzen die Verkleidung auszuziehen. Das finde ich spannend. Es gelingt nicht immer, aber es lohnt jedes Mal den Versuch.

teleschau: Sie gelten als präziser, aber auch höflicher Interviewer. Wäre es manchmal effektiver, konfrontativ zu sein?

Strempel: Sie können das Gegenüber nicht dazu zwingen, etwas zu sagen, was es nicht sagen will. Aggression im Interview mag ich nicht, auch keine Freund-Feind-Positionen. Nach dem Motto: "Jetzt sagen Sie doch endlich, dass es so und so ist." Dies ist nicht meine Art, denn es sind ja immer noch unsere Gäste. Ich versuche, Aussagen und Positionen von Politikern auf den Punkt zu bringen, wenn sie es selbst nicht tun. Sie können ja widersprechen, wenn sie es anders gemeint haben. Aber wie gesagt, das alles klappt nicht immer. Ich habe auch immer wieder Interviews, da geht nicht viel. Da frage ich mich hinterher, in welcher Wolke ich mich da selbst vernebelt habe (lacht).

teleschau: Sie sind Teil des Berliner Politikbetriebs. Wie eng sind die Bande zwischen Journalisten und Politikern? Man trifft sich häufig, man kennt sich. Sind Sie Teil einer Blase?

Strempel: Ich arbeite hier seit fast einem Jahr im Pandemiebetrieb. Viele Veranstaltungen, von denen man sagen könnte, dass sie vielleicht eine zu große Nähe zwischen Politik und Beobachtern herstellen, fanden wegen Corona gar nicht statt. Ich bin jetzt zum zweiten Mal als politischer Berichterstatter in Berlin. Das erste Mal war zu Zeiten der Schröder-Regierung vor 20 Jahren. Damals wirkte die Szene noch anders auf mich. Es gab engere Kontakte zwischen Presse und Politik. Kontakte, die vielleicht auch beim einen oder anderen zu nah waren. Das letzte Jahr war ein spezielles. Ich habe das Gefühl, dass sich die Kultur ein wenig verändert hat. Es gibt heute weniger Hinterzimmer-Absprachen zwischen Politik und Medien. Meiner Meinung nach liegt das auch daran, dass die Konkurrenz unter den Medien so scharf geworden ist. Man kann sich eine so deutliche politische Zuordnung nicht mehr leisten, wie sie vor 20 oder 30 Jahren noch üblich war.

teleschau: Sie meinen, dass die Politiker damals deutlicher bestimmten Medien nahestanden und umgekehrt?

Strempel: Teilweise ja. Es gab auch eine größere Treue zu politischen Grundrichtungen als heute. Sicher nicht durchgehend, aber nach meiner Beobachtung ist in dieser Hinsicht die Distanz deutlich größer geworden.

"Seine Tweets kamen direkt aus der eigenen Magengrube"

teleschau: Würden Sie behaupten, dass der Politikbetrieb selbst eine Blase ist? Trifft der Vorwurf des "entrückten Politikers" vielfach zu?

Strempel: Es gibt auf jeden Fall die Tendenz dazu, in eine eigene Welt abzudriften. Das ist in anderen, ich sage mal "besonderen" Berufen, nicht anders. In der Politik liegt das auch daran, dass das Leben derer, die an der Spitze dieses Politikbetriebs stehen, wahnsinnig eng getaktet ist. Als die Regierung von Bonn nach Berlin umzog, jubelten viele, dass die Politik nun mitten in die Metropole, in den Osten und näher zu den Menschen käme. Ich habe schon damals nicht an diese These geglaubt. Genauso war es auch, man hat sich in Berlin sein kleines Bonn wieder aufgebaut. Regierungsarbeit ist wie eine Maschine. Die könnten sie in Bonn, Berlin, Frankfurt oder auf Helgoland aufstellen. Das System funktioniert ähnlich.

teleschau: Es gibt also keinen Ausweg aus der Entrücktheit?

Strempel: Entscheidend ist, wie viel man noch mit seinem Wahlkreis zu tun hat. Da mache ich tatsächlich die Erfahrung, dass dies einen großen Unterschied ausmacht. Je höher man in der politischen Verantwortung steht, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, noch ungezwungene Kontakte zu haben. Da wird jede Handlung, jede Begegnung immer mehr von Pressestellen gesteuert. Wir haben aber auch Abgeordnete im Interview, die nicht so weit oben stehen. Da merke ich, dass die Verwurzelung im Wahlkreis, das Geerdete noch deutlich stärker vorhanden ist.

teleschau: Sie erwähnen die Macht der Pressestellen. Mittlerweile gibt es viele Politiker, die selbst in Sachen Social Media aktiv sind. Schreiben Spitzenpolitiker ihre Tweets eigentlich selbst?

Strempel: Es ist unterschiedlich. Die haben natürlich alle ihre Teams. Und doch ist es so, dass einige selbständig twittern. Ich setze jeden Morgen einen Tweet ab, in dem ich das Politiker-Interview des Tages "anteasere", um in der Gemeinde ein bisschen Diskussion auszulösen. Da passiert es schon mal, dass Minister oder andere Spitzenpolitiker selbst auf diesen Tweet antworten (lacht). Daran sieht man recht deutlich: Es gibt jene, die selbst twittern. Die agilsten, die ich kenne, sind Peter Altmaier und Hubertus Heil. Die beiden sind wirklich früh morgens schon aktiv.

teleschau: Macht Social Media Politiker wieder ein Stück weit nahbarer?

Strempel: Nicht nahbarer, aber manchmal durchschaubarer. Donald Trump war ein gutes Beispiel. Man hat den Mann über Twitter kennengelernt. Seine Tweets kamen direkt aus der eigenen Magengrube. Bei den meisten ist jedoch der Pressestab für Social Media verantwortlich. Bei denen, die sehr früh morgens twittern, kann der Stab aber noch gar nicht eingegriffen haben. Altmaier und Heil, um mal bei diesen Beispielen zu bleiben, äußern sich aber auch ohne Stab höchst professionell. Manchmal geht es vielleicht auch ein bisschen darum, zu sagen: "Hallo, ich bin übrigens auch schon wach" (lacht).

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