"Markus Lanz"

Rostock-OB Madsen verzweifelt bei Lanz: "Den nächsten Knockout überleben wir nicht"

05.03.2021 von SWYRL/Jens Szameit

"Unsere Antwort auf Lockdown ist öffnen. Und auf öffnen ist unsere Antwort Lockdown." Der Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen rechnete bei "Markus Lanz" mit dem deutschen Krisenmanagement und der Bürokratie ab. Vizekanzler Olaf Scholz hatte immerhin eine gute Nachricht.

"Ich bin ratlos, ich bin enttäuscht." Der Molekularbiologe Kai Kupferschmidt schlug als Talk-Gast bei "Markus Lanz" (ZDF) am Donnerstagabend in eine Kerbe, die für viele Beobachter offen daliegt seit der letzten Ministerpräsidentenkonferenz zur Corona-Lage. Lockerungen trotz steigender Inzidenz und sich ausbreitenden hochansteckenden Virusvarianten. Das Ganze "abgesichert" durch Tests, die nicht bestellt wurden. "Abgefedert" durch eine Impfkampagne, die im internationalen Vergleich eher schleppend vorankommt. Für den Mediziner und Wissenschaftsjournalisten passt das alles nicht zusammen.

Zwar könne er die Sehnsucht nach mehr Normalität "total verstehen", jedoch warnte der Biologe: "Diese Lockerung kommt zu früh und geht zu schnell." Langfristig sehe die Situation gut aus, es gebe dank des Impfstoffs endlich eine echte Exit-Strategie. Nur müsse man jetzt noch an den Maßnahmen festhalten, die in der Vergangenheit Menschenleben gerettet hätten. Kupferschmidt: "Das rettende Ufer ist da."

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"Den nächsten Knockout überleben wir nicht"

"So ist die Entscheidung ja getroffen worden ... aber ein bisschen anders", gab Vizekanzler Olaf Scholz in der ZDF-Gesprächsrunde zu verstehen. Er verwies darauf, dass bei einer Inzidenz von 100 die vereinbarte "Notbremse" greife. Ein Begriff, den Kai Kupferschmidt jedoch als "suggestiv und irreführend" geißelte: "Eine Bremse, von der ich weiß, ich werde sie mit mehr als 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit brauchen, ist keine Notbremse, sondern eine Bremse." Der "vierte Lockdown" sei die "wahrscheinliche Konsequenz aus den Lockerungen, die jetzt beschlossen wurden". Ende April, Anfang Mai werde die Zahl der Neuinfektionen auf sieben Tage gerechnet laut Modellrechnungen bei 200 liegen.

Eine Befürchtung, die auch Claus Ruhe Madsen teilt. Natürlich könne die Inzidenzkurve exponentiell steigen, konzedierte der Politik-Quereinsteiger, "je nachdem wie dämlich wir uns verhalten". Der parteilose Rostocker Oberbürgermeister, der durch pragmatisch errungene Pandemieerfolge eine Art Krisenstar geworden ist, vermisst in diesem Sinne "wissensbasiertes Herangehen". Stattdessen würden nach dem Prinzip Hoffnung Schulen und der Handel einfach aufgemacht. "Unsere Antwort auf Lockdown ist öffnen. Und auf öffnen ist unsere Antwort Lockdown." Vor einem neuerlichen Runterfahren des öffentlichen Lebens graut es dem OB: "Wenn jetzt noch einmal ein Knockout kommt, überleben wir das nicht, dann sind wir weg."

Claus Ruhe Madsen: "Es scheint, dass wir gar keine Lernkurve haben"

Dabei seien geeignete Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens längst bekannt, würden aber nicht ausreichend umgesetzt. Madsen sauer: "Es scheint, dass wir gar keine Lernkurve haben." Groß ist auch sein Ärger über nicht eingehaltene Versprechungen des Bundes, etwa über die Lieferung von Schnelltests. Er baue vor Ort jedes Mal ganz umsonst eine Infrastruktur auf. "Kommunikation funktioniert so nicht!"

Beim Thema Bürokratie schwillt dem dänischen Möbel-Unternehmer, der 2019 als Rostocker Bürgermeister gewählt wurde, ganz allgemein der Kamm. Beispiel: "Ich hätte gerne vorm Rathaus in Rostock Zelte zum Testen aufgebaut. Ich habe meinen Kollegen gesagt: 'Ruft mal das DRK an, die sollen uns was fertig machen.' Antwort: 'Nein Claus, das geht nicht. Das müssen wir ausschreiben.' Da höre ich raus, bis ich das durch hab', ist entweder Corona weg oder es gibt in fünfeinhalb Jahren schon meinen Nachfolger, und der wundert sich über die ganzen Zelte."

Olaf Scholz: Zustimmung zur "Luca"-App schon am Montag

In das verzweifelt anmutende Lachen von Moderator Markus Lanz hinein formulierte Madsen einen Vorschlag. "Es muss so sein, dass wir aus Corona was lernen." Dazu benötige man allerdings "keine Bazooka", sondern eine "Machete". Was Madsen vorschwebt: eine Taskforce, in der Vertreter von Bundesebene, Landesebene und kommunaler Ebene alle Gesetze auf den Tisch legen und sich fragen: Würden wir die heute noch so beschließen? "Bei nein: runter vom Tisch!"

Bei Olaf Scholz, der den Bazooka-Wink natürlich verstand, traf der Vorschlag auf viel Zustimmung. Auch bei einem anderen Herzensprojekt von Claus Ruhe Madsen signalisierte der Finanzminister und designierte SPD-Kanzlerkandidat Bewegung: nämlich bei der in Rostock schon benutzten und bald womöglich deutschlandweit eingesetzten Kontaktnachverfolgungs-App "Luca", die unter anderem der Rapper Smudo mitentwickelt hat. Scholz: "Die ist sehr gut." Über eine flächendeckende Einführung des Tools etwa bei Veranstaltungen, im Einzelhandel oder in der Gastronomie solle eine Entscheidung am Montag fallen. Der Vizekanzler hat "das Gefühl", dass die Bundesländer "16:0" dafür votieren werden.

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