37°: Im Schuldenstrudel

"Man schämt sich dafür": TV-Reportage zeigte Menschen im "Schuldenstrudel"

28.04.2021 von SWYRL/Alexander Franck

Immer mehr Deutsche sind hoffnungslos überschuldet, Corona macht ihre Lage oft noch bedrohlicher: Eine nachhaltig beeindruckende TV-Reportage zeigte am Dienstagabend auf, wie schnell man abrutschen kann, aber auch, dass es Wege gibt, zurück in ein selbstbestimmteres Leben.

Auf einmal fehlt es an allen Ecken und Enden - und es gibt keinen Plan, wie es nun weitergehen soll: Wenn das Geld ausgeht, steigert sich in Pandemie-Zeiten das Gefühl, in einer ausweglosen Klemme zu stecken und nicht mehr dazuzugehören, nicht selten zur totalen Hoffnungslosigkeit. Was macht das mit einem? Und gibt es einen Ausweg? - Marcel Martschoke und Jens Niehuss zeigten in ihrer am Dienstag im ZDF ausgestrahlten Reportage "37°: Im Schuldenstrudel" eindrücklich auf, wie schnell man abrutschen kann und welche massiven sozialen Verwerfungen das Land derzeit belasten. Ihnen war es wichtig, den fast vier Millionen Deutschen, die als überschuldet gelten, ein Gesicht zu geben. Die Filmautoren stellten in ihrem Beitrag drei Schicksale vor: drei Schuldner, die sie über mehrere Monate hinweg begleiten durften.

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Warmes Essen nur nach dem Pfandflaschen-Sammeln

Die gerade mal 26-jährige Jessica aus Tübingen schlitterte schon im Teenager-Alter in gefährliche Abhängigkeiten. Sie wollte sich - wie viele junge Menschen - oft gleich viele Wünsche auf einen Schlag erfüllen: Handy-Verträge, Urlaubsreisen, teure Kleidung und vielleicht ein kleines bisschen Luxus. Über die Finanzierung und die Rückzahlung von Kauf-Raten dachte sie meist nicht lange nach. So häufte sie einen Schuldenberg an und musste Bekanntschaft mit dem Gerichtsvollzieher machen. Ihre Mutter hatte sie zeitweilig aufgegeben und den Kontakt eingestellt. Ein Neuanfang wird immer schwieriger. "Du kannst dir nicht mal einen Kaffee leisten", sagt die junge Frau. Heute lässt sie sich in einer Schulden-Beratungsstelle helfen.

Der 51-jährige Sven hatte schon Schulden mit in die Ehe eingebracht, weil er seine schwerkranke Mutter bis zu deren Tod pflegte und für die Behandlung viel Geld ausgab, das er oft nicht von der Krankenkasse erstattet bekam. Nun schuftet er als Apotheken-Ausfahrer fast zwölf Stunden am Tag, um seine Familie mit vier Kindern so gut es eben geht durchzubringen. "Meine Frau kann manchmal nur etwas kochen, wenn sie Pfandflaschen einsammeln geht", sagt er. Die beiden haben einen Schuldenberg von rund 47.000 Euro. Svens Verdienst reicht gerade mal, um die Zinsen zu bezahlen. Hilfe holt er sich bei einem Berater der Diakonie.

Ihre eigene schwere Krankheit hatte die 57-jährige Andrea einst aus der Bahn geworfen. Sie schaffte es mittlerweile, den Krebs zu besiegen, doch die vielen Forderungen wachsen ihr über den Kopf. Oft sieht sie sich außer Stande, die Post mit den vielen Mahnschreiben auch nur zu öffnen. Erst langsam lernt sie es, sich ihrer Scham und den Schuldgefühlen zu stellen. "Man schämt sich dafür, und jeder tut so, als ob er keine Schulden hätte", sagt sie. "Man fühlt sich schon als Mensch zweiter Klasse."

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"Kein gesellschaftliches Randphänomen mehr"

"Geldprobleme zu haben, ist längst kein gesellschaftliches Randphänomen mehr", erklären die "37°"-Autoren Marcel Martschoke und Jens Niehuss über ihren FIlm "Im Schuldenstrudel". "Während in vielen Filmen mit ähnlicher Thematik oft Schuldnerberater im Fokus stehen, haben wir versucht, die Schuldner selbst in den Mittelpunkt unserer Reportage zu stellen. Im Laufe der Recherchen haben wir gesehen, wie einfach es ist, in Schulden zu geraten. Eine Erkrankung, ein Erbschaftsstreit, Jobverlust, Kurzarbeit durch Corona, eine Dummheit ... Denn viele Menschen leben an der Kante - nichts darf finanziell schiefgehen."

Doch der Beitrag, der nun in der Mediathek verfügbar ist, will nicht mit erhobenem Zeigefinger belehren. Es geht den Machern um die menschliche Perspektive, sie zeigen Schicksale, die nachvollziehbar machen, was es heißt, in die finanzielle Not abzurutschen. Und wie schnell das mithin geschehen kann. Manchmal reicht nur eine falsche Entscheidung, einmal falsch abgebogen zu sein. Doch so ergreifend und erschreckend der Film bisweilen war, er zeigte auch: Es gibt die Möglichkeit, den Anker zu werfen, sich Hilfe zu holen und auffangen zu lassen.

Die Autoren sagen, sie hätten "gesehen, dass der Weg aus dem Schuldenstrudel unendlich schwer, langwierig und verzichtreich ist. Viele Betroffene verpassen oft den rechtzeitigen Moment, sich das Problem, die finanzielle Schieflage bewusst zu machen. Sie stecken den Kopf in den Sand, öffnen die Mahnschreiben nicht mehr und versuchen ihre eigene Notlage zu verdrängen." Und dadurch werde es richtig teuer, so Martschoke und Niehuss: "Selbst die Zinsen und Zinseszinsen für Verbraucherkredite, Darlehen, Ratenzahlungen können kaum noch bezahlt werden - und wenn, bleibt nichts mehr, um die Schulden zu tilgen. Der Berg bleibt - und wie wir erlebt haben, manchmal ein Leben lang."

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