Gefangen - Mi. 07.04. - ARD: 20.15 Uhr

Das Leben des Toten

04.04.2021 von SWYRL/Christopher Schmitt

Die Welt des Polizisten Harry gerät aus den Fugen, nachdem er Ersthelfer bei einem tödlichen Verkehrsunfall wird. Im ARD-Psychodrama "Gefangen" von Elke Hauck nimmt er langsam die Identität des Verstorbenen an.

Alles läuft ab wie im Autopilot. Auch wenn Polizist Harry (Wolfram Koch) gerade nicht im Dienst ist, funktioniert er auch im größten Chaos. Gemeinsam mit einem Kollegen fährt er mit dem Motorrad zur Arbeit, als die beiden einen Verkehrsunfall beobachten und als Ersthelfer am Unglücksort eintreffen. Harry entdeckt den leblosen Körper der Mutter, der Vater - der ihm bekannt vorkommt - stirbt in seinen Armen. Beruhigend redet er auf die Kinder ein, die noch im Auto eingeklemmt sind, doch die hören ihn schon nicht mehr. Währenddessen sind seine Gedanken laut zu hören: "Gleich ist alles vorbei."

Doch nach dem erfolglosen Rettungsversuch ist für Harry nichts vorbei, es fängt gerade erst an. Im eindringlichen ARD-Psychodrama "Gefangen" (Buch und Regie: Elke Hauck) lässt ein eigentlich hartgesottener Polizist und SEK-Beamter die Geschehnisse der starken Szene viel zu nah an sich heran und wird in Folge eines Traumas zunehmend in den Bann der verstorbenen Familie gezogen. Offenbar, um sein eigenes Selbstbild als abgebrühter Kerl zu erhalten, wehrt sich Harry vehement gegen die Einsicht, dass das Erlebte an ihm nagt, ihn nahezu auffrisst. Erst am Tag vor dem Unfall hatte er den Familienvater noch kontrolliert, dabei ein Schwätzchen gehalten. Seine Frau wolle nach Tunesien reisen, hatte er ihm erzählt und von seinen beiden Töchtern, die Harry kurz darauf nur noch leblos aus dem Autowrack bergen kann.

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Alles nicht so schlimm?

Das folgenschwere Erlebnis trifft den Polizisten, selbst Familienvater, mit voller Härte. Ob er sich deshalb so mit dem Opfern identifiziert? Mit seiner zweiten Frau erwartet er ein weiteres Kind, sein Sohn aus erster Ehe wandert durch Australien, seine Tochter (Lola Liefers) würde lieber bei ihm wohnen. Seiner Frau Ellen (Antje Traue), mit der er zu Beginn doch ein so glückliches Paar abgibt, erzählt er zunächst nichts, er ist der Meinung, den starken Mann geben zu müssen. Eine Träne verdrückt er nie.

Während sein junger, ebenfalls anwesender Kollege schon kurz nach der Tragödie zusammenbricht und psychologische Betreuung in Anspruch nimmt, muss Harry unter dem Druck seiner Chefin regelrecht zu seinem Besuch bei der Polizei-Psychologin gezwungen werden. Dort sitzt er allerdings nur bocklos seine Sitzung ab, anstatt die Hilfe anzunehmen. "Je mehr man sich damit beschäftigt, desto heftiger wird doch der Sche..", sagt er einmal zu seiner Vorgesetzten. Im Laufe der Handlung wird deutlich, dass er damit auf unglückselige Weise recht behalten wird, was allerdings in erster Linie daran liegt, dass er sich an sein eigenes Motto mal überhaupt nicht halten will.

Viele Puzzleteile, kein vollständiges Bild

Denn er beschäftigt sich damit, und wie: Noch am Tag des Unfalls fährt er am Haus der Opfer vorbei. Später trinkt er davor ein Bier mit dem Nachbarn. Schließlich schwimmt er gar im nahen See und verschafft er sich Zugang zum Haus, mehr noch: Er zieht gewissermaßen dort ein und lässt seine Familie im Unklaren darüber, wo er ist. Die Drehbuchautorin ist durchaus bestrebt, seine Verwandlung mit vielen vagen Puzzleteilen zu begründen: Umbruch in der eigenen Familie, kurzer, aber persönlicher Kontakt zum Unfallopfer, todkranker Freund, kurz angerissenes, schwieriges Verhältnis zum Vater - und das Trauma als Implosion. Dennoch bleiben Harrys Handlungen teilweise kaum nachvollziehbar. Warum genau er immer mehr versucht, die Identität des verstorbenen Vaters anzunehmen und gar dessen Haus zu kaufen, bleibt seltsam nebulös.

Sein Wandel macht seiner Frau und seiner Tochter ebenso große Sorgen wie seiner Chefin und seinen Kollegen. Allen ist klar: Harry hat einen psychischen Knacks. Er selbst scheint das nicht wirklich wahrzunehmen, obwohl er sich die verstorbenen, ehemaligen Hausbewohner herbeifantasiert. Stetig schwingt in der Geschichte eine schwer greifbare, beklemmende Spannung mit, die sich in einer Art "großem Finale" samt Horrofilm-artigen Setting entladen soll. Am Ende bleibt der Zuschauer doch eher ratlos zurück. Man wird das Gefühl nicht los, dass das Potenzial der eigentlich starken Grundidee in "Gefangen" nicht vollends ausgeschöpft werden konnte.

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