Vor der "Wetten, dass ..?"-Show

Ein bisschen Wärme in kalten Zeiten: Entfacht "Wetten, dass ..?" noch einmal das Lagerfeuer?

18.11.2022 von SWYRL/Frank Rauscher

Wenigstens an diesem einen Abend soll es noch mal auflodern, das gute, alte TV-Lagerfeuer: Zweifellos gehört "Wetten, dass ..?" zu den Highlights des Fernsehjahres. Thomas Gottschalk lädt mit Michelle Hunziker am Samstag, 19. November, zur Megasause - diesmal aus Friedrichshafen. Wie konnte es nur soweit kommen?

War es Zufall - einfach die richtige Sendung zur richtigen Zeit? Oder gibt es tatsächlich so etwas wie eine neue Sehnsucht nach den guten, alten Fernsehtagen und dem vielzitierten TV-Lagerfeuer? War es die bloße Zugkraft des Namens Thomas Gottschalk? Lag es am hoffnungslos überalterten ZDF-Publikum? Oder war am Ende sogar die Neugier der Jungen, die so etwas nur vom Hörensagen kennen, schuld? - Die Analysen schossen ins Kraut, nachdem am 6. November 2021 ein eigentlich einmalig angesetztes "Wetten, dass ..?"-Comeback erstaunliche Quoten einfuhr und damit alle verblüffte - vermutlich sogar den Gastgeber und die Verantwortlichen beim ZDF selbst. Mit 13,8 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern wurde "Wetten, dass ..?" zum größten Showevent des vergangenen Jahres. Die eigentliche Sensation aber war der Zuspruch der Jüngeren: 4,34 Millionen Menschen zwischen 14 und 49 Jahren, das bedeutete an diesem Fernsehabend 50,2 Prozent, verfolgten, was der große Blonde aus dem Frankenland da in Überlänge mit seinen Gästen, zu denen unter anderem Helene Fischer gehörte, veranstaltete.

Es setzte für den doch etwas betulich wirkenden Gesamtvortrag zwar reichlich Verrisse, aber die wurden von den lauten Jubelmeldungen über die Quoten der Neuauflage klar übertönt. Also durfte, nein musste man auch in Mainz über mehr nachdenken. Es waren einfach zu gute Nachrichten: Das lineare Fernsehen, es lebt noch. Also auf zu neuen Fernsehufern mit einer soliden Marke und alten Konzepten! - Es sind ja weit und breit keine besseren in Sicht.

Wobei es zunächst gar nicht nach einer Fortsetzung aussah. "Wir freuen uns sehr über den großartigen Erfolg der Jubiläumsausgabe. Eine Fortsetzung war eigentlich nie geplant", ließ sich der damalige Programmdirektor und heutige Intendant Norbert Himmler anfangs noch recht zögerlich zitieren. Und er fügte zur Sicherheit an: "Angesichts der großen Resonanz werden wir aber sicher darüber noch einmal nachdenken."

Auch Gottschalk selbst wollte im November 2021 nicht sofort in die allgemeine Euphorie einstimmen. Aber er war clever genug, die Spekulationen nicht zu ersticken. Folgendes Bonmot ist aus diesen Tagen überliefert: "Sitze gerade beim Haareschneiden und überlege, ob wir die Lichterkette am Lerchenberg starten sollen oder ob ich auf Ende Legende mache." Das vorläufige Fazit des Showmasters lautete: "Bin unentschieden!" Doch alle, die diese Branche kennen, wussten schon, was nun kommen würde.

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"Die wollen 'Wetten, dass ..?'. Also machen wir es."

Mitte Januar kündigte das ZDF an, dass zumindest zwei weitere "Wetten, dass ..?"-Sendungen für 2022 und 2023 auf die Beine gestellt werden. Und Thomas Gottschalk zögerte nicht, zu bekennen, er sei gerne bereit, jährlich eine Eventshow zu präsentieren. Außerdem sagte Gottschalk Anfang 2022 der "Bild": "Was im öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm läuft, sollten die Gebührenzahler entscheiden. Und die wollen 'Wetten, dass ..?'. Also machen wir es."

Die herausragende Quote zur Rückkehr hat aber selbst die Moderatorenlegende überrascht, wie Gottschalk einräumte: "Ich war mir nicht ganz sicher, ob der alte Zauber noch funktioniert." Es habe "ein paar Kritiker" gegeben, "die gemault haben, das wäre Fernsehen von gestern". Thomas Gottschalk stellte klar: "Das war beabsichtigt - und ich kann und will nicht so tun, als wäre ich der Mann für morgen." Zuspruch kam vom Erfinder der Show: "Wir haben alle erlebt, wie sehr Thomas Gottschalk in dieser Show zu Höchstformen aufläuft und einfach in seinem Element ist", ließ Frank Elstner verlauten. Er sei sich "sicher, dass 'Wetten, dass ..?' mit ihm noch viele Jahre erfolgreich weitergehen kann". Also dann.

Keine "B-Promis" und "Reality-Stars": Die Gäste am Samstag

Vor der zweiten Neuauflage, die nun am Samstag, 19. November, 20.15 Uhr, in der Messe Friedrichshafen und natürlich im ZDF in (mindestens) drei Stunden zelebriert wird, ging der 72-jährige Gottschalk dann gleich selbst in die Analyse. Er "glaube, dass sich die Menschen, heute mehr denn je, nach Gemeinschaftserfahrungen sehnen, die sie mit anderen teilen können", sagte der aus Kulmbach stammende Moderator der Mediengruppe Bayern. "Wetten, dass ..?" spreche offenkundig "immer noch alle Altersgruppen und soziale Schichten an. Ein TV-Wunder in Zeiten wie diesen".

Was die Auswahl der Gäste angeht, hat der Entertainer klare Vorstellungen. "Da bin ich des Öfteren mit der Redaktion über Kreuz. Ich will Gäste, über die man gestern gesprochen hat und über die man morgen noch sprechen wird, viele junge Kollegen haben da inzwischen andere Maßstäbe." Er wolle aber keine "B-Promis" und "Reality-Stars", sondern, so Gottschalk, "zeitlose Ikonen. Die sind immer schwerer zu finden".

In dieser Hinsicht wird geliefert am Vorabend der Fußball-WM: Herbert Grönemeyer feiert Weltpremiere mit einem bisher unveröffentlichten Song. Robbie Williams blickt auf 25 Jahre Solokarriere zurück und präsentiert auf der "Wetten, dass ..?"-Bühne seinen aktuellen Hit "Lost". Dazu kommen die kanadische Sängerin Tate McRae und das Ensemble des umjubelten Broadway-Erfolges "Moulin Rouge" - Das Musical", das, so das ZDF, mit seiner "spektakulären Live-Performance" erstmalig im deutschen TV auftritt. Zu den Wetten sei vorab nur so viel verraten: Auch ein Bagger sowie eine Kinderwette sind wieder mit von der Partie. Als Wettpaten und -patinnen werden unter anderem Hollywood-Legende John Malkovich, die Comedians Michael Bully Herbig und Christoph Maria Herbst sowie das Schauspielerinnen-Duo Veronica Ferres und ihre Tochter Lilly Krug angekündigt. Auf der Couch nehmen auch Tennisspieler und Olympiasieger Alexander Zverev sowie die erfolgreichen Fußballerinnen Alexandra Popp und Giulia Gwinn Platz. Nichts passt zusammen, aber für jeden was dabei - so war es schon immer in dieser Sendung. Die Frage ist: Funktioniert das abermals? Und: Braucht es das?

Ablenkung im großen Stil

Unbedingt! Nicht etwa, weil "Wetten, dass ..?" die aufregendste TV-Show aller Zeiten ist. Sondern, weil in diesen Zeiten, in denen Krieg und Krise allen gehörig auf die Nerven schlagen und die Spalter ihre große Chance wittern, Ablenkung im großen Stil und nicht zuletzt auch gemeinsame Erlebnisse guttun. Ein zeitlich limitiertes Event, eine Live-Produktion, auf die so viele Augen gerichtet sind, ein Ereignis, zu dem alle etwas zu sagen haben ... - Im TV von heute kann so etwas, von Fußball abgesehen, eigentlich nicht mehr hergestellt werden.

Also mag man, sofern man noch auf die Kraft der Gemeinschaft setzt, trotz allem auch auf den durchschlagenden Erfolg der Flick-Truppe in Katar hoffen - und gewiss auch ein wenig auf die nächste "Wetten, dass ..?"-Sensation. So ein kleines bisschen Wärme kann in kalten Zeiten jedenfalls nicht schaden.

Vielleicht muss man älter und ohne Smartphone aufgewachsen sein, um zu verstehen, wie das gemeint ist. Ein Blick in die Historie jener zweifellos seicht angesetzten und dennoch so oft grandios auftrumpfenden Sendung lohnt sich jedenfalls. "Wetten, dass ..?" war einst ein Format, das zur Sozialisierung ganzer Generationen beitrug.

"Sie galt als 'größte Fernsehshow Europas", ist bei Wikipedia über "Wetten, das ..?" zu lesen. Und sie war lange Zeit eines der letzten Relikte einer vergangenen Zeit. Am 14. Februar 1981 wurde die Eurovisionssendung erstmals ausgestrahlt. Damals, moderiert vom Erfinder des Konzepts, Frank Elstner, und unter völlig anderen Vorzeichen auf den von wenigen Programmen bestimmten TV-Markt geworfen, war "Wetten, dass ..?" ein Ereignis von nationaler Tragweite.

Im Buch der Erinnerung steht "Wetten, dass ..?" für alle Zeiten als ein furioses Stück TV-Geschichte, das sehr lange im Sinne des jeweils vorherrschenden Zeitgeistes unterhaltsam war und zugleich aufgrund der gewaltigen Reichweite in einem hohen Maße relevant. "Wetten, dass ..?", das war ein Konsensformat erster Güte, der kleinste gemeinsame Nenner, die pure Massenbespaßung am Samstagabend, in der ein wenig Botschaft und Ernsthaftigkeit nicht weiter störten. So etwas durfte man durchaus als Kitt der Gesellschaft bezeichnen - bis es irgendwann damit losging, dass auch diese Art Fernsehen der geballten Kritik der Netzgemeinde ausgesetzt war, sich über jede einzelne Sendung von Gottschalks Nachfolger Markus Lanz reflexartig ein hämischer Shitstorm ergoss und Teile der Gesellschaft augenscheinlich ganz grundsätzlich ihre Lust auf Konsens verloren. Am "TV-Lagerfeuer" mochten sich immer weniger wärmen.

Nur ein Feldversuch

Natürlich darf man nichts verklären: Der unentwegte Shitstorm-Alarm sorgte am Ende lediglich für eine Beschleunigung des wohl unvermeidlichen Untergangs. Den Ausschlag für das Aus von "Wetten, dass ..?" gaben andere Faktoren. Als im Oktober 2014 das Ende bekannt gegeben wurde, hatte Norbert Himmler den Schritt so begründet: "In den letzten Jahren hat sich im Showbereich sehr viel verändert. Das trifft alle Sender und Unterhaltungsprogramme, besonders hart aber 'Wetten, dass ..?' als traditionsreichste Show in Deutschland." Das Format habe an Anziehungskraft verloren, der Aufwand stehe nicht mehr im Verhältnis zur Zuschauer-Resonanz.

So waren nun mal die Fakten: "Wetten, dass ..?" gehörte zu den teuersten Unterhaltungsshows, zuletzt hatten damals kaum mehr sechs Millionen Menschen zugesehen. Die Zeiten, zu denen sich die halbe Republik am Samstagabend vor dem TV-Gerät versammelte, um die Show, die einst sogar nach China exportiert worden war, zu sehen, waren vorbei. Das war Konsens in der Branche, und vor dem Comeback 2021 waren die Erwartungen entsprechend zurückhaltend. Es war nicht mehr als ein Feldversuch, eine Reminiszenz an glorreiche Tage. Der Ausgang ist bekannt.

Die gigantische Quote von 2021 hat gezeigt: Es sind längst nicht nur hoffnungslose TV-Nostalgiker, die behaupten, so etwas bräuchte es heute wieder: einen Gegenpol zum Privatfernsehen, das mit sogenannten C-Promis längst zu einem Bruchteil der Produktionskosten abendfüllende Spaßveranstaltungen in hoher Frequenz unters Volk bringt; und vor allem eine Musikshow mit echten Stars - internationaler, größer, weniger schlagerlastig als die Formate von Florian Silbereisen. Nun wird das Experiment fortgesetzt.

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