10.11.2025 von SWYRL
Videogames müssen nicht zwangsläufig stupide Schießbuden, Fußballsimulationen oder Bleifuß-Orgien sein. Es gibt auch Spiele, deren Geschichten emotional packen, mitreißen und Gaming-Fans die Tränen in die Augen treiben. Wie das Meisterwerk "Shadow of the Colossus", das vor 20 Jahren erstmals für PS2 erschien.
Längst geht es in der Videogames-Branche nicht mehr nur ums Spielen. Die Macher dieser Milliarden-Industrie verstehen es mittlerweile so gut wie Hollywood, packende Geschichten zu erzählen: mal minimalistisch, mal kryptisch, mal komplex, mal emotional. Und manchmal sogar alles zusammen. Dabei entstehen Augenblicke, die oft nur in diesem interaktiven Medium funktionieren - und deshalb umso intensiver sind. Manches treibt einem dabei sogar die Tränen in die Augen ...
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Shadow of the Colossus
Einsamkeit und Verzweiflung: Um seine große Liebe von den Toten zurückzuholen, schließt ein junger Krieger in "Shadow of the Colossus", das vor 20 Jahren für PS2 erschien, einen faustischen Pakt und bringt zahlreiche Titanen in einer menschenleeren, melancholischen Welt zu Fall. Die vermeintlichen "Bosskämpfe" fühlen sich zunächst wie Errungenschaften, später wie Beerdigungen an: Jeder Koloss stürzt in Zeitlupe, die Musik bricht und Stille legt sich über die weiten Ebenen. Spätestens wenn das treue Pferd Agro, der einzige Begleiter des jungen Kriegers, auf dem Weg zum Finale in den Abgrund stürzt und das Spiel die moralische Rechnung präsentiert, kippt Bewunderung in Beklemmung: Denn was auch immer der Gamer tut: Es gibt keine Zukunft für die Liebenden - zumindest nicht so wie erhofft. Das Remake bewahrte 2018 die existentielle Wucht des Originals und machte sie technisch zeitgemäß erfahrbar.
The Last Guardian
Fumito Uedas zweiter Geniestreich auf dieser Liste (neben "Shadow of the Colossus") hat im Jahr 2016 ein Wunder vollbracht. Noch nie hat sich die Beziehung zwischen zwei Figuren so besonders und derart echt angefühlt wie zwischen dem Fabelwesen Trico und dem namenlosen Jungen in "The Last Guardian". Wenn beide am Ende nach sämtlichen gemeinsam überstandenen Strapazen gezwungenermaßen getrennte Wege gehen müssen, ist das ebenso ergreifend wie tieftraurig: Abschiednehmen tat selten so weh wie hier.
Hellblade: Senua's Sacrifice & Senua's Saga: Hellblade 2
In "Hellblade: Senua's Sacrifice" begibt sich die seit Kindheitstagen psychisch angeschlagene Kriegerin Senua in die Unterwelt der nordischen Götterwelt, um von der Göttin Hela ihren verstorbenen Geliebten Dillion zurückzufordern. Dabei muss sich die äußerlich so starke, innerlich so fragile junge Frau all ihre Kraft aufbringen, um ihre inneren Dämonen und Scharen von (imaginären?) Gegnern zu bekämpfen. Ein hochkomplexes, intelligentes und surrealistisches Meisterwerk, das am Schluss zu Tränen rührt: Denn der Tod gehört zum Leben dazu. Senua muss Dillion gehen lassen und kann ihn nicht retten: "Goodbye my love." Dass die Reihe mit Neurowissenschaftlern und Betroffenen entstand und dafür (u. a. BAFTA-)Anerkennung erhielt, unterstreicht die Ernsthaftigkeit - und erklärt, warum viele Spielende die Credits mit Kloß im Hals sehen. Die Fortsetzung ist deutlich actionreicher, besitzt aber dennoch auch Stärken des Vorgängers.
The Last of Us (Part I)
Schon der Prolog von Naughty Dogs "The Last of Us" geht an die Nieren. Zu Beginn spielt man die zwölfjährige Sarah, die Tochter der Hauptfigur Joel. Es ist der Abend des Ausbruchs einer Epidemie, die Menschen in Zombie-ähnliche Monster verwandelt. Bei der Flucht wird Sarah verletzt, sodass Joel sie fortan tragen muss. Kurz bevor sich die beiden in Sicherheit bringen können, wird Sarah von einem Soldaten erschossen. Sie stirbt in den Armen ihres Vaters. "Don't do this to me, baby girl!" - Kritiken betonen die bleierne Melancholie und die emotionale Wucht dieser Eröffnung. Die meisten Gamer wissen bis heute nicht, was während der Opening Credits dieses schrecklich schönen Meisterwerks passiert ist, weil sie Rotz und Wasser geheult haben. Später in diesem Roadtrip durch die verfallenen Staaten von Amerika folgen stille Szenen zwischen Joel und der Teenagerin Ellie, in denen Fürsorge und Gewalt untrennbar werden.
Life Is Strange
In der Küstenstadt Arcadia Bay entdeckt die Schülerin Max, dass sie die Zeit zurückdrehen kann, was sich als Fluch und Segen zugleich herausstellt. Selten waren Figuren so differenziert gezeichnet und Dialoge so treffsicher geschrieben wie im Zeitreise-Coming-of-Age-Thriller-Drama "Life Is Strange". Mehrere Momente treffen den Spieler mit voller Härte, doch die finale Entscheidung zwischen dem Leben aller in Arcadia Bay oder dem individuellen Liebesglück ist herzzerreißend: Wählt man die Reise zurück in die Vergangenheit, um alles wieder auf Anfang zurückzudrehen und dem Schicksal nicht dazwischenzufunken, muss man den Tod von Max' Freundin Chloes in Kauf nehmen. Diese moralische Zwickmühle hallt bis heute nach.
To the Moon
"To the Moon" stellt eindrucksvoll unter Beweis, dass zum Erzählen einer berührenden Geschichte auch grobe Pixel und Textboxen genügen. Zwei Ärzte erfüllen Sterbenden deren letzten Wunsch, indem sie Erinnerungen neu schreiben. Beim alten Johnny führt die Reise rückwärts durch ein Leben voller verpasster Töne, bis sich ein unscheinbares Versprechen als tragender Balken seines Glücks entpuppt. Der Schluss, an dem Wunsch und Wirklichkeit endlich ineinandergreifen, treibt vielen Tränen in die Augen; Schon 2011 hieß es, die Geschichte entfalte "emotionalen Punch" trotz minimalem Gameplay. "To the Moon" ist ein herausragendes Spiel, welches das erzählerische Potenzial des Mediums offenbart.
Valiant Hearts: The Great War
Geschichtsunterricht mal anders: herzergreifend, bestürzend, interaktiv. "Valiant Hearts: The Great War" verdeutlicht anhand von Fakten und fiktiver Einzelschicksale den Irrsinn des Ersten Weltkriegs. Nicht nur, dass Freunde in verfeindeten Armeen dienen. Emile, die vermutlich sympathischste Figur des Spiels, hat versehentlich einen Vorgesetzten tödlich verwundet und wird deshalb zum Tode verurteilt, obwohl er durch seine Tat die Leben unzähliger Kameraden retten konnte. Doch all dies nützt ihm nichts. Die Ungerechtigkeit lässt den Spieler fassungslos zurück ...
Red Dead Redemption 1 + 2
"Redemption" bedeutet Erlösung. Und die hat der einstige Outlaw John Marston fast schon gefunden, als er sich mit Frau und Kind ein neues Leben aufgebaut hat. Doch die Familie wird ihm von jenen Leuten entrissen, denen er einst vertraut hat. Heldenhaft stellt sich der Revolverheld den brutalen Angreifern in einem aussichtslosen Showdown entgegen. Darin opfert er sein Leben, um seiner Familie die Flucht zu ermöglichen. Gänsehaut und Tränen in den Augen inklusive.
Teil zwei von Rockstars Western-Epos ist nicht weniger emotional: Revolverheld Arthur Morgan spürt, dass sein Zeitalter endet. Je mehr er sich in "Red Dead Redemption 2" vom zynischen Vollstrecker zum zweifelnden Beschützer wandelt, desto schmerzhafter wird der Abschied. Viele nennen den "letzten Ritt" Arthurs und das leise, fast demütige Ende einen der bewegendsten Momente der Spielegeschichte.
That Dragon, Cancer
Spiele sollen Spaß machen. Diese Grundregel des Mediums brach bisher kein anderes Game so radikal wie "That Dragon, Cancer" (2016). Spieler begleiteten das Martyrium des im Alter von einem Jahr an Krebs erkrankten Joel und seiner Eltern. Teils in schonungsloser Authentizität, teils in surrealen und poetischen Bildern kämpfen Spieler gemeinsam mit der Familie gegen einen Endboss, gegen den man nicht gewinnen kann: den Krebs. Was die interaktive Story besonders intensiv wirken lässt, ist das Wissen, dass sie auf einer wahren Begebenheit beruht. "That Dragon, Cancer" ist ein digitales Mausoleum, welches Ryan Green und seine Frau Amy für ihren Sohn gebaut haben. Nie zuvor hat man derart leidenschaftlich um das Überleben seiner Spielfigur gekämpft wie um das Leben des kleinen Joel. Nie zuvor verfolgt einen der Tod einer Spielfigur noch Tage später so intensiv - fast wie eine reale Erinnerung. Auch das ist Immersion.
Brothers: A Tale of Two Sons
Die Mutter ertrunken, der Vater todkrank: Es gibt fröhlichere Ausgangssituationen als die des märchenhaften Adventures "Brothers". Die titelgebenden Brüder begeben sich auf eine Reise, um Medizin für ihren Vater zu finden, doch Gefahren lauern überall. Schlussendlich stirbt dann auch noch der ältere Bruder. Der Jüngste muss sich ganz alleine auf den Heimweg machen und wird dabei mit seinem ewigen Trauma konfrontiert - der Angst vor Wasser. Wie Regisseur Josef Fares und sein Team diesen Moment erzählerisch und vor allem spielerisch gelöst haben, ist große Videospielkunst. Kritiken würdigen das Finale bis heute als herzzerreißenden Geniestreich.
The Walking Dead
Im Episoden-Adventure "The Walking Dead" beschützte Lee Everett die kleine Clementine wie seine eigene Tochter vor geifernden Untoten, doch am Ende heißt es auch hier Abschied nehmen: Lee infiziert sich mit dem Zombievirus ... Als wäre das nicht schon schlimm genug, stellt das Spiel Gamer noch vor die grausame Wahl: Entweder lässt Clementine ihren liebgewonnenen Ersatzvater zur Verwandlung zurück oder sie gibt ihm den Gnadenschuss und bewahrt ihn vor seinem Schicksal. Alternativ kann sie auch nichts tun und das Spiel trifft eine Wahl aufgrund der bisherigen Entscheidungen. So oder so: starker Tobak. Auch in späteren Episoden wird Spielenden einiges abverlangt ...



