Ralf Bauer im Interview

Der Windsurfer und die tibetischen Mönche

12.10.2021 von SWYRL/Carmen Schnitzer

Surfen und Sinnsuche, Poledancing und Tibet - im neuen Film von und mit Ralf Bauer scheint erst mal nichts zusammenzupassen. Oder doch? Ein Gespräch über die Vereinbarkeit von Gegensätzen, Yoga und seine Großmutter ...

"Ich bin Ralf", stellt sich Ralf Bauer vor an diesem sonnigen Herbstvormittag im Café des Münchner Hotels Ritzi. Mitgebracht hat er sein selbst produziertes Regiedebüt: den Film "Sem Dhul - die Wiederkehr" (unter diewiederkehr.film und bei vimeo on demand erhältlich). In dem Actiondrama kämpft ein deutscher Aussteiger seit 15 Jahren in Indien als Fluchthelfer für tibetische Flüchtlinge und gegen das chinesische Regime, wird dann aber von Freunden für einen wichtigen Surf-Wettkampf zurück nach St. Peter-Ording geholt. Nicht zufällig trägt die von Ralf Bauer gespielte Hauptfigur denselben Vornamen wie er - der 55-Jährige wurde einst mit der ebendort spielenden Surfer-Serie "Gegen den Wind" bekannt und hat eine enge Verbindung zu Tibet und asiatischen Lehren.

teleschau: Haben Sie heute schon Yoga gemacht?

Ralf Bauer: Noch nicht, nein. Wir haben gestern etwas gefeiert - mit viel gutem Rotwein (lacht).

teleschau: Völlige Askese ist also bei allem Faible für fernöstliche Philosophien nicht angesagt?

Bauer: Nein. Aber wenn man schon Alkohol trinkt, sollte die Qualität stimmen, finde ich.

teleschau: Sie haben vermutlich Ihren neuen Film begossen?

Bauer: Mir ging es vor allem darum, einmal Danke zu sagen. Dass wir "Sem Dhul" mit einem Bruchteil des normalerweise üblichen Budgets realisieren konnten, ist nur dem großen Engagement aller Beteiligten zu verdanken. Mit vielen bin ich seit Jahren befreundet.

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"Unterschiedliche Geister finden einen gemeinsamen Nenner"

teleschau: Freundschaft ist auch ein zentrales Thema im Film - allerdings nicht nur. Der Plot klingt ja ziemlich wild: Tibetischer Freiheitskampf, Surfen in St. Peter Ording, die Macht chinesischer Konzerne - hatten Sie manchmal Sorge, den Faden zu verlieren?

Bauer: Nein, eigentlich nicht. Allerdings haben wir viel zu viele Charaktere kreiert. Mein erwachsenes tibetisches Patenkind, die Tochter meiner besten Freundin, meinte irgendwann: "Ralfi, ich komm' ganz durcheinander!" Und sie hatte Recht. Darum haben wir im Nachhinein noch die Figur der Staatsanwältin geschaffen, die quasi stellvertretend für den Zuschauer nachfragt: Wer war das gleich noch mal?

teleschau: Irgendwie fügt sich im Film dann doch alles zusammen. Ist das so etwas wie ein Lebensthema von Ihnen: die Verschmelzung vermeintlicher Gegensätze?

Bauer: Wenn Sie so wollen: ja. Das ist ja auch beim Yoga so interessant: Viele komplett unterschiedliche Geister finden einen gemeinsamen Nenner! Ich habe das große Glück, dass ich in meinem Leben - wie auch im Film - in zwei spannende Welten eintauchen durfte ...

teleschau: Die der Windsurfer und die der tibetischen Mönche ...

Bauer: Genau. Bei Surfertypen denkt man ja erst mal: Okay, Party, Strand, Drogen, Spaß - während es bei den Mönchen um die totale Askese geht: Teilweise lassen die sich monatelang zur Selbstreflexion in eine Höhle sperren. Aber wenn Sie sich mal abends die breit grinsenden Surfer am Lagerfeuer angucken, die einen langen Tag im Einklang mit der Natur auf dem Wasser verbracht haben - da sehen Sie ein ähnliches Glück wie in den Gesichtern der Mönche nach der Meditation. So etwas fasziniert mich.

Die Zäsur von damals

teleschau: Und doch wird es in der Öffentlichkeit mitunter so wahrgenommen: Huch, dem sonnigen Surferboy von einst geht es plötzlich um Tiefgang, was ist denn da passiert?

Bauer: Vielleicht liegt das daran, dass ich die Werbung für meine Arbeit oft im Stil der Rolle angelegt habe. Das ist ja oft die Gefahr bei uns Schauspielern - dass man Filmfigur und Mensch verwechselt. Auf Erstere habe ich normalerweise ja nur wenig Einfluss, die gibt das Drehbuch vor. Ich erinnere mich, dass damals in den 90-ern mal ein Journalist nach St. Peter-Ording ans "Gegen den Wind"-Set kam und sich wunderte, dass ich Hölderlin las. Er meinte, das passe nicht zusammen. Aber natürlich tut es das! Schauspieler wird man ja auch aus Liebe zur Literatur, die klassischen Werke sind Teil unserer Ausbildung.

teleschau: Es gab also nicht diese eine Zäsur in Ihrem Leben, eine Sinnkrise, die Sie zum Yoga führte oder etwas Ähnliches?

Bauer: Nun ja, eine Zäsur gab es insofern, als ich Mitte, Ende der 1990er-Jahre mit Rückenproblemen zu kämpfen hatte. Ich wollte nicht regelmäßig zum Arzt rennen und mir eine Spritze verpassen lassen, sondern habe nach einer besseren Lösung gesucht. Die fand ich im Yoga. Aber die fernöstliche Philosophie hat mich schon als neun-, zehnjähriger Stöpsel fasziniert.

"Man muss das eigene Ich erkennen"

teleschau: Wie kam es denn dazu?

Bauer: Ich habe Judo gemacht. In der Zeit lief auch die TV-Serie "Kung Fu". Wenn dort der alte Meister des Charakters von David Carradine diese Lehren von sich gab - so ungefähr stellt man sich ja Konfuzius vor -, dann hatte das eine große Wirkung auf mich. Ich glaube, die asiatische Philosophie war, obwohl viel älter, der europäischen in vielerlei Hinsicht voraus. Weil dort Seele, Geist und Körper nicht so getrennt betrachtet werden wie bei uns - dieses Sezieren, das wir oft betreiben, hat seine Tücken. Da wirst du vielleicht Top-Spezialist für Nieren oder Herz, verlierst aber schlimmstenfalls den Blick für die Zusammenhänge.

teleschau: Denken Sie dennoch, dass etwa Tibeter und Tibeterinnen auch etwas von uns lernen können?

Bauer: Darüber sprach ich tatsächlich neulich mit Pema La, die im Film meine Tochter spielt. Sie lebt seit sechs Jahren in München, und ich weiß, dass es vielen Tibetern und Tibeterinnen so geht wie ihr ...

teleschau: Weil Sie sich seit vielen Jahren für tibetische Flüchtlinge einsetzen.

Bauer: Richtig. Aber von denen weiß hier kaum jemand etwas! Und warum? Weil es tief in ihrer Kultur verwurzelt ist, das Ego zu zügeln, stets anderen den Vortritt zu lassen. Der Respekt, die Demut ist ihnen sozusagen in jede Zelle eingebrannt. Doch es geht nicht darum, das Ego komplett auszulöschen. Man muss das eigene Ich erkennen, um sich für die Gesellschaft einzusetzen. Im Tibetischen gibt es ein Essensgebet, bei dem man sich bei jedem einzelnen Menschen bedankt, der daran beteiligt war, angefangen bei dem, der den Samen gesetzt hat. Jeder ist wichtig! Pema meinte, das müsse sie mitunter noch lernen: für sich selbst einzustehen. Sie kam als Flüchtling, hat hier den Schulabschluss gemacht und arbeitet mittlerweile nach abgeschlossener Ausbildung als Kinderpflegerin.

Training an der Stange

teleschau: Neben allen philosophischen Themen gäbe es noch eine ganz banale Frage ...

Bauer: (lacht) Nur zu!

teleschau: Im Film sieht man Sie beim Poledance-Training. Wie kamen Sie denn auf die Idee?

Bauer: Die Story sollte ja trotz der teils schweren Themen eine gewisse Leichtigkeit haben und unterhalten. Aber auch hier passt wieder einiges besser zusammen, als es auf den ersten Blick scheint: Als mir eine Kollegin mal den Handgriff beim Tanzen an der Stange zeigte, hatte ich gleich dieses Bild im Kopf: Das ist im Grunde der gleiche wie beim Windsurfen, für den es beim Poledance eine Menge Kraft braucht, der ganze Körper wird trainiert. Insofern war das ideal für das Training des Film-Ralf, der nach 15 Jahren Indien für diesen Wettkampf zurück nach Deutschland kommt.

"Früher habe ich nach der Frau für meine zwölf Kinder gesucht"

teleschau: Im Film heißt es an einer Stelle: "Haben Sie gefunden, was Sie gesucht haben?" Wie ist das bei Ihnen? Waren Sie überhaupt auf einer Suche?

Bauer: Früher vielleicht mal - nach einer Frau für meine zwölf Kinder (lacht). Bis meine Oma zu ihrem 50. Hochzeitstag interviewt und gefragt wurde, ob sie sich für mich auch solch eine lange Ehe wünscht. Sie meinte: Wie soll denn das gehen, der ist ja dauernd unterwegs! Das war für mich eine Art Absolution: Ich muss nichts erzwingen. Im Grunde ist mir vieles zugeflogen, und mein Glück war, dass ich das erkennen und wertschätzen konnte. Und ich möchte gerne weitergeben, was ich gelernt habe. Dazu noch eine kleine Anekdote, die diese Geisteshaltung sehr gut transportiert, das sogenannte Lo Jong, was so viel wie Transformation oder Übung des Geistes bedeutet ...

teleschau: Gerne.

Bauer: Vor Jahren habe ich einen tibetischen Mönch, Palden Gyatso, kennengelernt, der leider eine Nacht, bevor ich ihn noch einmal besuchen wollte, gestorben ist. Er war 33 Jahre in chinesischer Gefangenschaft, wurde heftig gefoltert. Als ihn nach seiner Freilassung der Dalai Lama fragte, was denn in dieser Zeit das Schlimmste für ihn gewesen wäre, antwortete er: "Wenn ich angefangen hätte, die Chinesen zu hassen!"

Termine

Am Donnerstag, 21.10., 16.15 Uhr ist Ralf Bauer Studiogast in der WDR-Sendung "Hier und heute - LIVE".

"Sem Dhul - Die Wiederker" wird am Dienstag, 26.10., beim Filmfest in Köln gezeigt, bis zum Jahresende folgen weitere Termine in Berlin, Hamburg und einigen weiteren Städten.

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