Einer wie Erika - Mi. 25.11. - ARD: 20.45 Uhr

Das Leben - ein Melodram

21.11.2020 von SWYRL

1966 wurde Erika Schinegger Weltmeisterin im Abfahrtslauf und in ganz Österreich gefeiert. Doch vor den Olympischen Spielen von 1968 in Grenoble wird bei einem Chromosomentest entdeckt: Erika ist ein Mann. Ein Biopic, das in dramatischen Bildern erzählt, wie Erik die "Schande" überlebte.

Erik Schinegger, 1948 geboren, wuchs - als Mädchen erzogen - auf einem Kärntner Bauernhof auf. Er entpuppte sich als wildes Kind, das lieber Seifenkisten fuhr, als mit Puppen zu spielen. Zwar hatten die Eltern leise Zweifel an der Geschlechtszuordnung, aber sie glaubten der Hebamme und den Ärzten: Äußere Geschlechtsmerkmale waren nicht zu sehen. Doch in den Jahren zwischen 1966 und '68 kommt es zu einem unglaublichen Auf und Ab: Erika wird Ski-Weltmeisterin und zwei Jahre später bei einem medizinischen Test als Mann geoutet. Die Schande ist groß. Alle, die Erika zuvor gefeiert haben, wenden sich nun von ihr ab.

Der Regisseur Reinhold Bilgeri hat nach dem Drehbuch von Dirk Kämper aus der Tragödie 50 Jahre danach ein gefühlvoll zeitkritisches Melodram gemacht. "Einer wie Erika" (2018, nun im Ersten) erzählt vom Überleben Schineggers, der heute stolzer Skischulbesitzer in Kärnten ist.

Korrektur der nach innen verlagerten Geschlechtsorgane

Erik Schineggers Geschichte ist nicht neu, sie ging immer mal durch Talkshows, Zeitungen und Illustrierte, es gab bereits 2006 eine TV-Dokumentation. Inzwischen wurde Schinegger - verheiratet, eine Tochter - in Österreich sogar zum "Dancing-Star". Umso erstaunlicher ist es, dass Bilgeri der Slalom zwischen Melodram und, ja, Sportfilm gelungen ist. Klar wird manchmal allzu sehr auf die Tränendrüse gedrückt - etwa, wenn sich Erika bei einer von Marianne Sägebrecht gespielten Klosterschwester im Krankenhaus wiederfindet, die sie mit aller Strenge fürsorglich betreut. Noch immer versteht da Erika nicht, was mit ihr passiert - schon gleich gar nicht die anstehende Operation, die in diesem Fall gar keine Geschlechtsumwandlung ist, sondern "nur" eine blutige Korrektur der nach innen verlagerten männlichen Geschlechtsorgane.

Zweifellos ist es dann die berührendste Stelle des Films, wenn Erik die Schwester anweist, seine WM-Goldmedaille der WM-Zweiten, Marielle Goitschel, zu schicken. Sie habe die in Wirklichkeit verdient. Neben dieser entschlossenen Geste wirken die ausführlich wiedergegebenen schäbigen Verhaltensweisen der österreichischen Skipatrone und Funktionäre eher dokumentarisch berichtet. Die Offiziellen hatten damals allen Ernstes eine heimliche Geschlechtskorrektur zur Frau und die vorübergehende Verbannung auf eine einsame Insel in Erwägung gezogen.

Markus Freistätter spielt diesen Schinegger als durch und durch sympathischen, wuschelköpfigen Tagträumer. Mehrfach lenkt er den inneren Blick zum Himmel - und hält doch eisern durch gegen Mobbing und Vorurteile. "Du wirst schon etwas finden, du bist doch Weltmeisterin", sagt Marianne Sägebrecht nach der OP zu dem von Selbstzweifeln Geplagten. Sie sollte tatsächlich Recht behalten.


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