"Staatsfeinde - Russlands politische Gefangene"

14-jähriger Russe muss wegen Kritik an Putin in Strafkolonie - Mitschüler hatten ihn denunziert

29.11.2025 von SWYRL/Julian Weinberger

Willkür, Schauprozesse und ein gnadenloses System unter der Ägide von Wladimir Putin: Ein ARD-Dokumentarfilm erzählt die Geschichte einiger politischer Gefangener in Russland. Besonders das Schicksal des erst 14-jährigen Arseni Turbin hallt nach - ebenso wie die Verzweiflung seiner Mutter.

Einige YouTube-Videos, dazu Protestplakate gegen Wladimir Putin: Das reichte im Fall von Arseni Turbin, um verhaftet zu werden. Damals war der Junge 14 Jahre alt. Wegen "Beteiligung an Aktivitäten einer terroristischen Organisation" wurde Arseni zu fünf Jahren Haft verurteilt. Damit wurde er zum jüngsten politischen Häftling Russlands.

Seine Geschichte steht stellvertretend für politische Willkür in einem gnadenlosen Justizsystem im Russland von Wladimir Putin. Von einigen davon erzählt der ARD-Dokumentarfilm "Staatsfeinde - Russlands politische Gefangene" (ab sofort in der ARD Mediathek).

"Er ist so dünn, sieht sich gar nicht mehr ähnlich", sorgt sich Arsenis Mutter Irina gegenüber den Filmemacherinnen. "Sie haben mein Kind wegen seiner Meinung eingesperrt", erinnert sich sie sich. 400 Kilometer einfache Strecke legt sie einmal im Monat zurück, um ihren Sohn im Jugendknast zu besuchen. Dass es so weit kam, daran haben auch Arsenis Lehrer und Mitschüler ihren Anteil. Erstere sagten gegen den Jungen aus, Letztere denunzierten ihn gegenüber FSB-Agenten wegen seiner Kritik an Wladimir Putin.

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Russische Mutter nach Verurteilung ihres Sohnes (14): "Dachte, das überlebe ich nicht"

"Arseni saß da und weinte", denkt Irina an den Moment der Verurteilung vor Gericht zurück. Auch für sie sei danach die Welt ein andere gewesen: "Ich dachte, das überlebe ich nicht. So viel Schmerz erträgt mein Herz nicht." Nun sei ihr Leben von der Sorge um ihren Sohn bestimmt. Bei einem ihrer letzten Treffen habe er gesagt: "Wie soll ich denn fünf Jahre überleben?" Von seinen Zellengenossen musste er bereits mehrfach Gewalt ertragen.

Doch gegen Ende des Dokumentarfilms von Manon Louizeau und Ekaterina Mamontova erreicht Irina eine weitere Hiobsbotschaft. Ihr Sohn wurde in eine Strafkolonie für Jugendliche im Ural verlegt - in 2.000 Kilometer Entfernung und ohne jegliche Kommunikationsmöglichkeiten. "Was sie uns antun, ist furchtbar, ich bin sprachlos", klagt sie im ARD-Film ihr Leid: "Das ist alles ist entsetzlich." Vor seiner Verlegung hatte Arseni bereits befürchtet: "Mama, du musst auf alles gefasst sein, mir könnte alles Mögliche zustoßen."

"Wir begeben uns in eine rückwärtsgewandte Welt, in eine Welt der Absurditäten"

Mehr Glück hatte Nadeshda Skochilenko. Ihre Tochter Sascha war wegen der Beteiligung an mehreren Demonstrationen - diese sind in Russland mittlerweile verboten - zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Doch Sascha kam im Rahmen eines Gefangenenaustausches frei. "Wir wussten, dass es gut ausgehen würde. Wir haben Geschichte geschrieben", freut sich die Künstlerin, als sie im französischen Exil endlich ihrer Mutter in die Arme fällt.

Zuvor hatte auch Nadeshda eine lange Zeit der Unsicherheit ertragen müssen. "In der zivilisierten Welt können sich Menschen gar nicht vorstellen, dass man unter solchen Bedingungen inhaftiert werden kann", klagt sie das russische System vor den Kameras an. Besonders besorgt war sie um ihre Tochter, weil sich deren Herzleiden hinter Gittern verschlechtert hatte. Ehe ihre Tochter freikam, meinte Nadeshda noch: "Ich habe immer an Wunder geglaubt und tue das auch jetzt noch."

Es sei "ein absurder Albtraum", dass Russland in alte Denk- und Handlungsmuster der Sowjetunion zurückfalle, lautet Skochilenko Vorwurf: "Wir begeben uns in eine rückwärtsgewandte Welt, in eine Welt der Absurditäten." Dass unzählige Menschen im ganzen Land wegen fehlendem Nationalbewusstsein verhaftet wurde, sei paradox. "Sie tun es für unser Land, sie sind die wahren Patrioten", befindet Nadeshda über die politischen Gefangenen.

Russin war nach Verhaftung ihres Mannes "in einem furchtbaren Zustand"

Zu ihnen gehörte lange auch Oleg Orlov, dessen Schicksal in dem 90-minütigen ARD-Film ebenfalls geschildert wird. "Ich kann nicht alleine in einem Raum sein, das macht mich nervös", umreißt seine Frau Tatjana Kasatkina das Trauma, das die Verhaftung ihres Mannes ausgelöst hat. Orlov gründete die NGO Memorial, die 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Sie wurde ins Leben gerufen, um an die Verbrechen des stalinistischen Regimes zu erinnern - und schließlich von Putins Regime aufgelöst.

Orlov ließ nicht davon nicht abschrecken, protestierte trotzdem weiter. "Russland ist ein totalitäres Land, es gibt keine Freiheit", beschreibt er gegenüber den Filmemacherinnen vor seinem Prozess. An Flucht habe er aber nie gedacht, denn: "Das ist mein Land." Nach der Verurteilung ihres Mannes vor Gericht wegen Verunglimpfung russischer Streitkräfte sei sie "zusammengebrochen", erinnert sich Tatjana: "Ich war in einem furchtbaren Zustand." Lange bekommt sie Oleg nicht zu Gesicht, ihr Leben sei damals "stillgestanden".

"Das Gefühl der Leere ist nur schwer zu ertragen, aber Gott sei Dank lebt er", ist es lange die Hoffnung, von der sich Tatjana Kasatkina nährt. Dann die überraschende Nachricht: Oleg kommt im Rahmen eines Gefangenenaustausches wieder auf freien Fuß. Trotzdem steht den beiden ein Abschied bevor - der von ihrer Heimat. "Das war's dann! Auf Wiedersehen, Erinnerungen!", lässt die 80-Jährige ihre Wohnung zurück. "Ich liebe meine Heimat, sie haben sie uns genommen."

Trotz Exil in Berlin bleibt dem Paar die Hoffnung auf eine Rückkehr - irgendwann.

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